Die Begrifflichkeit ist vielleicht für viele verwirrend, die nicht aus dem fachspezifischen Bereich kommen. Ich liebe diesen Begriff, denn er ist eine wertschätzende Möglichkeit über verschiedene Arten „zu Sein“ zu sprechen.

Neurodiversität erklärt: Das Gehirn als Auto-Modell

Nehmen wir den Vergleich „Auto“:

Ein Hersteller bietet sein neues Automodell in einer Grundausstattung an. Nennen wir diese mal „normal“: sicher, praktisch, nichts Besonderes, unauffällig.

Du kannst das gleiche Auto aber auch mit Extras bekommen – zum Beispiel mit mehr PS und ein paar coolen Sonderfunktionen. Diese Sonderausstattungen können aber auch manchmal ganz schön nerven und überfordern: Andauernd piept etwas (Tempo-, Abstand- oder Blinzel-Häufigkeits-Sensoren). Und ein Auto mit 500 PS durch die Berliner Innenstadt zu fahren, ist meistens auch nicht so toll.

Vielleicht wolltest du sogar schon immer mal ein Spaceshuttle haben. Stell dir vor: Die Fee macht „Pling“ – und jetzt rollst du mit dem Spaceshuttle über die Lindenallee zum Brandenburger Tor. Alle schauen, aber die meisten nicht neidisch, sondern irritiert oder erschrocken. Manche schauen sogar weg und tun so, als ob sie dich nicht sehen. Du machst ihnen ein bisschen Angst, bist irgendwie „spacig“.

Dann schon lieber mit dem alten Opel Astra und bequemen 65PS. Vernünftiger, nicht so teuer und extravagant. Unauffällig. Kommt man ziemlich gut von A nach B und Wartungsarm ist es auch noch.

Ein „normales“ Gehirn ist also eine Art Durchschnittsgehirn. Man nennt es „neurotypisch“.

Und dann gibt es die „Sonderausstattungen“, also Abweichungen in der Bauweise auf ganz unterschiedliche Art. Diese nennt man „neurodivers“.

Du kannst also über Neurodivergenz/Neurodiversität sprechen und neurodivergent/neurodivers sein.


Beispiele für Neurodiversität: Vielfalt der Gehirne

💡Dazu gehören zum Beispiel:

👉🏼AD(H)S

👉🏼 ASS (Autismus-Spektrum)

👉🏼 HS (Hochsensibilität)

👉🏼 HI (Hochintelligenz)

👉🏼 Legasthenie

👉🏼 Dyskalkulie

👉🏼 PDA (Pathological Demand Avoidance)

👉🏼 Psychopathie/Soziopathie

Was sagt die Hirnforschung über Neurodiversität?

Hirnstrukturen kann man inzwischen ziemlich gut untersuchen, und es gibt viele wissenschaftliche Erkenntnisse über die verschiedenen Formen neurodiverser Nervensysteme. Trotzdem bleibt unser Gehirn ein Rätsel: ein Supercomputer, unfassbar komplex und veränderbar. Wir sprechen von Neuroplastizität – das Netzwerk aus Nervenzellen ist anpassungsfähig, es lernt und gestaltet sich um, je nachdem, mit welchen Faktoren es konfrontiert wird. Das macht die Forschung nicht einfacher – und genau deshalb liebe ich das Wort Neurodiversität. Es wertet diese unterschiedlichen Gehirnformen nicht als Pathologie, also Krankheit, ab, sondern würdigt die Vielfalt und das Spektrum in unserer Biologie.

Aber ist ADHS und ASS nicht eine Krankheit?

Es stimmt: Die oben genannten Beispiele für Neurodiversität haben das Potenzial, einen Krankheitswert zu bekommen und gelten zum Teil auch als „Behinderung“.

Nicht umsonst gibt es viele therapeutische Ansätze, um Menschen mit Autismus, AD(H)S usw. zu unterstützen. Es sind Diagnosen, und man kann einen Pflegegrad dafür bekommen, denn die Einschränkungen können stark sein und das Leben in unserer Gesellschaft erheblich erschweren.

Evolutionäre Vorteile neurodiverser Gehirne

Aber: Es ist ein Spektrum. Das heißt, es gibt eine große Bandbreite, wie stark ein Symptom ausgeprägt sein kann. Denn neurodiverse Gehirne bringen auch Vorteile mit sich. Es gibt inzwischen soziologische Modelle, die davon ausgehen, dass diese Formen der Hirnveränderung sogar evolutionäre Vorteile hatten (und haben) – sowohl für die neurodiversen Menschen selbst als auch für die Gruppen, in denen sie leben.

Gesellschaft im Wandel: Warum Vielfalt zählt

Evolution ist ein Auto ohne Reifen – und kaputtem Motor.

Also: LAAAAAANGSAM. Unsere Gesellschaft wandelt sich im Tempo eines Ferraris und ist fast schon beim Spaceshuttle angekommen. Da kommt so ein Gehirn nicht immer mit. Das bringt viele Nachteile – nicht nur für neurodiverse Menschen.

Deshalb ist es wichtig, achtsam und wertschätzend zu bleiben und die Besonderheiten aller Menschen als Potenzial und Bereicherung zu sehen.

Hinterlasse einen Kommentar

3 Antworten zu „Neurodivers – Was ist das? Die Grenze zwischen Vorteil und Krankheit”.

  1. […] Ob du wirklich krank bist, wenn du ein neurodiverses Gehirn hast, erfährst du HIER. […]

    Like