Raus aus dem Lose-Lose: Mein persönlicher Weg zum Traumjob als neurodivergente Person

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Grafik mit dem Titel 'Fragen an deinen Arbeitsplatz und Job: Neuro-Hirne bei der Arbeit', zeigt eine LEGO-Figur, die an einem Schreibtisch sitzt, umgeben von Büromaterialien.

❤  Ich habe meinen Traumjob gefunden.

Das wusste ich schon in meiner Ausbildung – beim zweiten Versuch. Bevor ich zufällig auf Ergotherapie gestoßen bin, hatte ich keine Ahnung, was das eigentlich ist. Zuvor habe ich mich durch die Ausbildung als FAMI (Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, also Bibliothekarin für alle Medien) geschleppt. Es war schrecklich. Es war furchtbar. Das ist keine Übertreibung.

Warum ich in der Schule so schlecht war:

Es wurde überwiegend nur das unterrichtet, was ich nicht konnte. Mein Heranwachsen im Berliner Ghetto Hellersdorf war von Diskriminierung und Gewalt geprägt. Ich wollte einfach nur raus aus dem Bildungssystem. Das einzige Positive, das ich sicher über mich wusste: Ich konnte malen und schreiben. Das war mein Anker im Leben, dafür habe ich Anerkennung bekommen und konnte Selbstwert aufbauen.

Ich schrieb Gedichte, Geschichten und später zwei Bücher. Ich malte riesige Leinwände voll und versank in der Welt der Geschichten. Bücher und Abenteuer waren mein Zuhause – ein weiterer Anker, um die Pubertät zu überstehen. Deshalb entschied ich mich für meine Leidenschaft „Bücher“ und begann als FAMI.

Berufsberatung war frustrierend:

Ich habe die Berufsberatungsseiten des Jobcenters und den dicken Katalog der Berufe mehrfach durchforstet. Glasbläserin? Nein. Grafikdesignerin? Ich hasse lange Bildschirmarbeit. Kunsttherapeutin? Muss man studieren, zu kompliziert. Psychotherapeutin? Studium, nein danke.

Meine Vorstellung von FAMI:

Kreatives Vorbereiten und Durchführen von Lesungen, Restauration von historischen Büchern usw. Die Realität: 1,5 Jahre lang Bücher von A nach B sortieren, Regalreihen schließen, Leihausgaben zurücknehmen, Katalogisieren. Monoton, unterfordernd – ein Albtraum, den ich beenden musste.

Der Wendepunkt:

Nach dem Abbruch kamen dramatische Einschnitte, die mich auf meinen Weg brachten. Ich habe gelernt, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Mit 19 Jahren reiste ich sechs Monate allein durch Asien und arbeitete drei Monate in einer Grundschule in einem nepalesischen Dorf. Ich wurde mutiger, selbstbewusster und bekam neue Perspektiven. Das Reisen in weniger privilegierten Regionen hat mich offener, dankbarer und kämpferischer gemacht.

Bist du ein junger Mensch an der Schwelle zum Beruf und fühlst dich verloren?

Oder bist du eine erwachsene Person, die so einen Teenager zu Hause hat?

Zeit ist ein kostbares Geschenk.

 Ein Jahr Pause nach der Schule, Reisen, ein Ehrenamt oder Zivildienst können viel bewirken. Wir neurodiversen Menschen müssen oft mehr verdauen und brauchen Zeit zum Reifen und Entdecken, frei vom Hamsterrad, in dem man zielorientiert durch alle Stationen rennt. Das ist unbezahlbar.

Oder steckst du im Hamsterrad und suchst den Ausgang?

Lebst du in einem Land mit sozialem Netz, wie Deutschland, ist Neuorientierung möglich.

Bevor du zerbrichst und endgültig in Depression, Angst, Sucht oder Burnout rutschst: Melde dich krank, nimm dir Zeit zum Fühlen und Finden und suche dir etwas Neues.

Nach Nepal wusste ich:

Ich will mein Fachabi machen. Ab da ging es aufwärts. Fachabi in Kunst und Design mit reduzierten Naturwissenschaften. Dafür Fächer wie Kostüm- und Maskenbild, Modellbau & Architektur, in denen ich meine Talente entdecken und ausbauen konnte.

Jetzt hatte ich die Möglichkeit, Kunsttherapie zu studieren.

Dass es doch die Ergotherapie wurde, war ein glücklicher Zufall – wegen der wenigen Studienplätze landete ich auf der Warteliste. Ich füllte mein Wartejahr mit Minijobs und stieß auf die Ergotherapie. Das Fächerportfolio war so spannend, dass ich impulsiv in diese Ausbildung startete. Als ich im Folgejahr meinen Platz im Studium bekam, war ich schon auf dem Weg zum jetzigen Ergo-Ich.

Win-Win-Arbeitsplätze: Was ich heute weiß

Viele Jahre später, mit viel Fachwissen und Erfahrung, weiß ich: Ich wäre niemals als FAMI glücklich geworden. Ich kenne jetzt die Anforderungen, die meine berufliche Tätigkeit und mein Arbeitsplatz erfüllen müssen, damit es mir dauerhaft gut geht.

Meine Bedürfnisse unterscheiden sich natürlich von anderen neurodivergenten Menschen.

Neurodivergenz ist ein Spektrum. Hier findest du Kernfragen, die dir helfen, eine passende Tätigkeit zu identifizieren und deinen Arbeitsplatz gut zu gestalten:

Was sind deine Stärken?

Mache eine Liste und frage dein Umfeld. Beispiele für Stärken neurodivergenter Menschen:

❤  Einfühlungsvermögen/Empathie: Menschen lesen, feine Stimmungsänderungen erkennen

❤  Flexibilität: Schnell auf neue Situationen einstellen, spontan Ideen entwickeln

❤  Kreativität: Kreative Ideen und Herangehensweisen, Fantasie

❤  Kommunikation: Gut mit Menschen/Tieren in Kontakt kommen, erklären, vermitteln

❤  Analytisch: Strukturiert, sachlich, neutral bleiben, Fehler erkennen

❤  Körperliche Energie: Viel Energie und Ausdauer, Spaß an Bewegung

❤  Geistige Energie: In Themen tief eintauchen, schnell lernen, erwirbst du schnell Expert:innen-Status?

❤  Ordnung und Struktur: Strukturen aufbauen, Ordnung schaffen

❤  Magnet-Wirkung: Menschen anziehen, Vertrauen und Sicherheit vermitteln, auch ohne persönlichen „Leitungs“- oder „Machtwunsch“?

Kannst du in deiner jetzigen Tätigkeit deine Stärken nutzen?

Wertschätzung:

Werden deine Fähigkeiten gesehen und gefördert? Kein Tadel ist kein Lob. Gute Arbeit sollte anerkannt werden, sonst verschwindet die Freude am Tun.

Sicherheit:

Bist du in deinem Umfeld sicher? Darfst du echt sein, transparent in Stärken und Schwächen?  

Dazu gehört:

☺Du darfst dich mit deiner Neurodivergenz outen und wirst ernst genommen.

☺ Du kannst Herausforderungen ansprechen und es werden Lösungen erarbeitet.

☺ Du darfst Fehler machen und es wird konstruktiv damit umgegangen.Wiegen die positiven Aspekte deiner Tätigkeit die Herausforderungen auf?

Eine Tätigkeit ohne Herausforderungen gibt es nicht.

Grundkonditionen:

Kannst du mit deiner Wunsch-Tätigkeit deinen Lebensunterhalt bestreiten?  

Wie viele Stunden möchtest du arbeiten? Ich arbeite vier Tage pro Woche, weil ich genug Erholung brauche.  

Stimmt die Work-Life-Balance? Liegt es am Arbeitsplatz oder an deinen persönlichen Skills?


Hilfen für den Alltag

Wenn du deine Stärken und Herausforderungen kennst, sind individuelle Lösungen möglich. Hier einige Ideen zu typischen Herausforderungen bei Neurodiversität:

Strukturprobleme: Schwierigkeiten mit Ordnung und Struktur? 

– Aufgaben abgeben, wenn möglich  

– Hilfsmittel wie Pinnwände, Planungs-Apps, To-Do-Listen nutzen  

– Beschriftungen und Symbole verwenden  

– Digitale Geräte übersichtlich halten, Apps nach Priorität sortieren


Kommunikation: Schwierigkeiten, dich abzugrenzen oder Probleme zu kommunizieren?  

💡 Schriftliche Kommunikation nutzen

💡 Herausforderungen transparent machen:  

  • Erkläre die Herausforderung, dass du zB nach Worten ringen musst oder um dich konzentrieren zu können, Menschen nicht gern ins Gesicht siehst. Dann kann dein Umfeld dich unterstützen und du nimmst Druck von Dir „zu funktionieren“.

💡 Vertrauensperson als Vermittler einbeziehen:

  • Es gibt jemanden, dem Du vertraust und zu dem Du leichter sprechen kannst? Nutze diese Person, vertraue Dich an und übe vielleicht, was du jemand anderem sagen willst. Kommunikation ist eine Kompetenz, die durch das Tun besser wird.

Reizüberforderung:

Ist dein Arbeitsplatz zu laut oder reizintensiv?  

💡Hilfsmittel wie Gehörschutz, Sichtschutz, Sonnenbrillen nutzen  

💡 Licht anpassen, Leisearbeitsplätze suchen  

💡 Umfeld einbeziehen und um Unterstützung bitten: Vielleicht ist es ja möglich, ohne dass jemandem ein Zacken aus der Krone bricht, etwas zur Stressreduktion durch auf Dich einprasselnde Reize beizutragen.

Work-Life-Balance:

Kannst du dich schlecht abgrenzen und nimmst Arbeit mit nach Hause? Kreisen deine Gedanken, redest du innerlich ständig mit dir selbst, schläfst du schlecht?

Professionelle Hilfe für Abschalt-Kompetenzen:

  • um Kompetenzen und Skills zum Abschalten und Runterfahren deines Nervensystems zu entwickeln oder gegen zugrunde liegendes Anspruchsdenken und Selbstwertprobleme anzugehen

Routinen 

für gesunde Ernährung und FreizeitReduktion von Stressoren im Alltag

Bewegung

  • Sportroutinen sind sehr effektiv, um sich wieder mit Körper und Geist zu verbinden. Neurodiverse Menschen verlieren oft ihr „Ich-Gefühl“. Entweder weil sie zu viel von anderen fühlen, in ihrem rasenden Hirn verschwinden oder generell sehr schlecht körperliche Reize verarbeiten. Yoga, Ausdauer- und Kraftsport, das Spektrum an Möglichkeiten ist groß. Außerdem wird dabei dein Nervensystem angesprochen und Neurotransmitter freigesetzt, die Dir gut tun (Cortisol runter, Endorphin und Serotonin rauf, Sympathikusaktivität gedämpft).

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Eine Antwort zu „Neurodiversität am Arbeitsplatz: Was braucht dein Gehirn wirklich?”.

  1. […] Fühlst du dich auf Arbeit überlastet, ausgelaugt oder überfordert? Was du tun kannst, liest du HIER. […]

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