Vielfalt trifft auf Flexibilität
In dem Beitrag „Neurodiversität – Was ist das?“ habe ich dir mit dem Hirn-Auto-Modell erklärt, dass wir alle unterschiedliche Grundausstattungen mitbringen. (Klicke auf „hier“ um zum Post zu kommen.)
Was bedeutet Neuroplastizität? – Unser Gehirn ist lebenslang veränderbar

Die Grundeinstellung unseres Gehirns ist angeboren. Das Gehirn ist aber neuroplastisch – es kann sich das ganze Leben über verändern.
Je nachdem, welche Reize auf unser Nervensystem treffen, werden bestimmte Areale stimuliert und damit gefördert. Aber auch umgekehrt: Treffen zu wenige Reize einer bestimmten Art auf unser Gehirn, kann es nicht lernen und bestimmte Bereiche entwickeln sich nicht gut.
Übung macht den Meister: Wie Training das Gehirn verändert
Viele Dinge, die wir können, sind eine Frage der Performance – der Ausführung. Gibt es ein Performance-Defizit, dann kann man dieses angehen, indem man Dinge übt.
Beispiel: Soziale Interaktion trainieren
Du bist vielleicht ein Mensch mit introvertiertem Persönlichkeitsstil, der dir angeboren ist. Du bist eher schüchtern und zurückhaltend. Vielleicht hast du deswegen als Kind nicht gut Anschluss gefunden. Vielleicht machen dich fremde Menschen nervös und du kannst vor mehreren Personen nicht frei sprechen. Dann kann es passieren, dass dein angeborener Persönlichkeitsstil dein Leben einschränkt.
Macht uns etwas nervös oder Angst, dann meiden wir es gern. Aber:
Du wirst vielleicht immer ein eher zurückhaltender Mensch bleiben, denn das bist du eben – und das ist auch gut so (in einer Welt mit nur extrovertierten Menschen will auch keiner leben). Durch Übung kannst du jedoch eine Menge Zurückhaltung im Umgang mit sozial herausfordernden Situationen verlieren und lernen, dich frei und ohne Angst auch unter fremden Menschen zu äußern.
Neuroplastizität nach Krankheit und Unfall: Das Beispiel Dr. Jill Bolte Taylor
Neuroplastizität heißt auch, dass andere Hirnareale Funktionen von geschädigten Bereichen übernehmen können.
Wenn Krankheit oder ein Unfall Hirnareale dauerhaft beschädigen, dann ist es möglich, dass gesunde Bereiche die Funktion teilweise oder sogar ganz übernehmen.
Fallbeispiel: Dr. Jill Bolte Taylor
Dr. Jill Bolte Taylor ist eine amerikanische Neurowissenschaftlerin, die 1996 im Alter von 37 Jahren einen schweren Schlaganfall erlitt. Durch eine Blutung in der linken Gehirnhälfte verlor sie fast alle Fähigkeiten, die mit Sprache, Bewegung, Lesen, Schreiben und Erinnern zusammenhingen. Sie konnte kaum sprechen, sich nicht selbstständig anziehen und war auf umfassende Hilfe angewiesen.
Wie half ihr Neuroplastizität?
Dr. Taylor begann, ihr Gehirn Schritt für Schritt neu zu trainieren. Sie übte täglich kleine Fähigkeiten – vom Sprechen einzelner Wörter bis hin zum Verstehen von Zusammenhängen. Ihr Gehirn bildete dabei neue Verbindungen, um die verlorenen Funktionen zu kompensieren. Die Genesung dauerte acht Jahre, aber sie schaffte es, ihre kognitiven und motorischen Fähigkeiten weitgehend wiederzuerlangen.
Quelle: Jill Bolte Taylor: „Mit einem Schlag: Wie eine Hirnforscherin durch ihren Schlaganfall neue Dimensionen des Bewusstseins entdeckt“ (Buch und TED Talk)
Zusammenhang: Was haben Neuroplastizität und Neurodiversität gemeinsam?
Neuroplastizität ist die grundlegende Fähigkeit eines Gehirns, sich ein Leben lang zu entwickeln und zu verändern.
Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne in der Art und Weise, wie sie auf struktureller Ebene aufgebaut sind, wahrnehmen, verarbeiten, fühlen und denken.
Menschen mit Neurodiversität nutzen die Fähigkeit der Neuroplastizität wie alle anderen.
Ein neurodiverses Gehirn kann Einschränkungen mit sich bringen und dadurch auch in verschiedenen Bereichen des Lebens „behindern“. Vor allem in der Kindheit, wo das Gehirn bei allen Menschen noch nicht vollständig reif ist.
Neurodiversität gezielt fördern: Training und Therapie
Im Klartext heißt das für alle neurodiversen Menschen: Mit gezielten, kleinschrittigen Trainings können wir die verschiedenen Herausforderungen angehen und darin besser werden. Auf dieser Basis funktioniert Lerntherapie, Ergotherapie, Logopädie, Mototherapie…
Beispiel Legasthenie: Wie das Gehirn kompensiert
Menschen mit Legasthenie haben in den Hirnarealen, die Sprache, Buchstaben und Laute verarbeiten, nachweisbare strukturelle Unterschiede zu Menschen ohne Legasthenie. Im sogenannten „Broca-Areal“ und „Wernicke-Areal“ herrscht eine geringe Aktivität.
Dadurch ist es schwer, eine Verbindung von gesprochener Sprache zu geschriebenen Buchstaben zu automatisieren. Auch die Verarbeitungsgeschwindigkeit dieser Reize ist sehr verlangsamt.
Hier werden dafür andere Hirnareale aktiv: Das Gehirn kompensiert die geringe Aktivität in den Sprachzentren oft durch eine hohe Kreativität, gutes räumliches Denken und eine bessere Mustererkennung.
Mit viel Übung, Wiederholung und guten Tricks, welche die Kompetenzen dieser Menschen anregen, können schließlich alle Legastheniker:innen Lesen und Schreiben lernen.
Du kannst durch gezieltes, kleinschrittiges Üben und visuelle Unterstützung lesen und schreiben lernen. Sonst wären Legastheniker ja alle Analphabeten.
Tipps für Strategien um die Neuroplastizität zu nutzen:
❤ Gezieltes Üben in kleinen Schritten:
Regelmäßiges, kleinschrittiges Training (z.B. Lesen, Schreiben, soziale Situationen üben) stärkt neue Verbindungen im Gehirn. Lieber 10 Minuten konzentriert und mit Spaß, als eine Stunde Stress!
❤ Multisensorisches Lernen:
Lernen mit mehreren Sinnen gleichzeitig – z.B. Wörter hören, sehen und schreiben – aktiviert mehr Hirnareale und fördert nachhaltiges Lernen. Deswegen hab ich beim Lernen der Anatomie gemalt. Auch Lerninhalte zu singen oder mit Gesten und Geschichten zu verknüpfen kann helfen.
❤ Bewegung und Sport:
Körperliche Aktivität verbessert die Durchblutung des Gehirns und unterstützt die Bildung neuer Synapsen. Spring doch mal Trampolin oder wirf ein Ball hin und her, wenn du Vokabeln lernst, rechnest oder Worte buchstabierst!
❤ Achtsamkeit und Meditation:
Achtsamkeitsübungen können helfen, Aufmerksamkeit und Emotionsregulation zu trainieren – das Gehirn passt sich dabei an neue Denk- und Verhaltensmuster an. Wir üben Reize besser zu regulieren und sie als Fokus zu nutzen, wenn wir unser Ich-Gefühl im Reizstress verlieren.
❤ Musik machen oder hören:
Musizieren oder gezieltes Musikhören fördert die Vernetzung verschiedener Gehirnbereiche und kann z.B. bei ADHS oder Autismus unterstützend wirken. Auch hier kannst du das Lernen für die Schule einbauen, trommeln und dabei das 1×1 durchgehen oder einfach nur Spaß haben, denn auch dann passiert viel Gutes im Hirn.
❤ Neue Routinen aufbauen:
Durch bewusstes Einführen neuer Abläufe (z.B. feste Morgenroutine, strukturierte Pausen) lernt das Gehirn, sich besser zu organisieren.
Wichtig: es ist wie Autofahren lernen. Da sitzt so lange ein guter Fahrlehrer oder Fahrlehrerin neben dir, bis du es automatisiert hast. Also liebe Erziehende: begleiten, bis es wirklich von alleine klappt. Reißt die Routine ein, warst du als Begleiter:in nicht lang genug dabei.
❤ Soziale Interaktionen üben:
Rollenspiele, Gruppentraining oder gezielte Gespräche fördern soziale Kompetenzen und bauen neue neuronale Netzwerke auf.
Aber nicht jeder Mensch muss in eine Gruppe, wenn die soziale Interaktion auffällig ist. Wenn es dem Kind nicht gut tut, dann ist die Gruppentherapie oder -Situation zu früh und ihr startet vielleicht erstmal in einer 1:1 Situation und dann 1:2 und so weiter.
❤ Feedback einholen:
Regelmäßige Rückmeldungen (z.B. von Eltern, Lehrern, Therapeuten) helfen, Fortschritte zu erkennen und gezielt weiterzuüben. Weg mit dem Rotstift und den traurigen Smileys! Positives, bestärkendes Feedback ist wichtig, sonst bleiben wir nicht am Ball. Denn es ist eh schon schwer genug.
❤ Selbstfürsorge und Schlaf:
Ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und Stressreduktion sind wichtig, damit das Gehirn neue Verbindungen optimal bilden kann.
Aber mach dich nicht verrückt, wenn es nicht klappt. Ich konnte 20 Jahre nicht gut schlafen. Wir gucken uns das mal in einem neuen Blogbeitrag an, ja?
Tipp:
Wichtig ist, dass die Methoden zu den individuellen Bedürfnissen passen und mit Freude, Neugier oder Motivation verbunden sind – dann klappt’s am besten mit der Neuroplastizität!
Deine Erfahrungen und Gedanken sind wertvoll
Du möchtest mehr über Neurodiversität, Neuroplastizität oder individuelle Lernwege erfahren? Hast du eigene Erfahrungen oder Fragen zu diesem Thema? Teile deine Gedanken gern in den Kommentaren oder kontaktiere mich direkt – ich freue mich auf den Austausch mit dir! Gemeinsam können wir Vielfalt sichtbar machen und Potenziale entfalten.

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