Der Weg zum Kind
Auf irgendeine Weise ist Dein Kind zu Dir gekommen.
Wunschkind, Unfall, Zufall, Hoppala… Vielleicht hast du einen langen Leidensweg in Kauf genommen, um zu diesem Kind zu kommen, vielleicht lief alles glatt und komplikationslos. Aber es ist da und auf diesem Weg zur Realität hattest du vielleicht eine Idee davon, wie es sein wird. Wie es sein soll.
Eine Wunschvorstellung zum Thema Familie und dem Gefühl, ein Baby zu halten. Es heranwachsen zu sehen und seine Meilensteine zu feiern, die Welt mit diesem Kind zu entdecken und dich vom unvergleichlichen Blick eines Kindes wieder in eine Welt aus Spiel und Fantasie hineinziehen zu lassen.
Auch ich hatte dieses Bild
Es ist Monat für Monat gewachsen. „Mein Kind“ hatte einen Namen. Er passte extra für beide Geschlechtsidentitäten, so dass es keine Rolle spielte, was zu uns kam. Aber es kam nichts. Nur Medizin, Spritzen, Arzttermine, eine Operation um „nach dem Rechten zu sehen“ und jeden Monat ging der Zyklus von vorn los. Über Jahre ein Leben im 2 Wochen-Rhythmus, mit vielen Ratschlägen und guten Ideen und am Ende: Nichts.
Irgendwann musste ich mich für das Leben entscheiden, das ich hatte, und gegen den Traum, den ich mir wünschte. Viele Faktoren führten dazu, dass ich heute ohne Kind lebe. Doch der Traum war so stark, dass er sich wie eine Realität anfühlte, die ich erst mühsam loslassen musste. Heute bin ich angekommen – kinderlos und glücklich – aber ich musste um meinen Kinderwunsch trauern.
Viele Eltern erleben Ähnliches.
In meiner Arbeit treffe ich Menschen, die durch die Diagnose ihres Kindes (ADHS, Autismus, PDA, andere Neurodivergenzen) mit einer völlig anderen Familienrealität konfrontiert sind. Sie kämpfen mit Enttäuschung und Wut, oft ohne zu wissen, dass sie trauern.
Stell dich der Enttäuschung

„Mein Kind ist eine Enttäuschung.“
„Es ist undankbar. Es fordert nur. Es nimmt keine Rücksicht.“
Diese Gedanken sind tabu, doch sie brauchen Raum. Sie sind Ausdruck von Verzweiflung.
Natürlich müssen wir Kinder vor solchen Sätzen schützen. Sie leiden oft selbst unter ihrer Neurodivergenz und dem Gefühl, nicht verstanden zu werden. Hier beginnt die Verantwortung von Therapie und Gesellschaft.
Stell dich deiner Enttäuschung
Du fühlst vielleicht Schuld oder Scham, wenn du merkst, dass dir Liebe, Energie oder Geduld fehlen. Es ist okay, enttäuscht, wütend oder traurig zu sein. Nicht du bist schuld – und auch nicht dein Kind. Vielleicht ist jetzt die Zeit, zu trauern und das zu verarbeiten, was nicht sein konnte.
Trauern – aber wie?
Trauer ist kein Punkt auf der Checkliste, den man abarbeitet und dann ist gut. Genauso wie Scham und Schuld. Ich habe immer wieder (stetig kleiner und seltener werdende) Momente der Trauer erlebt.

Hier sind ein paar Ideen für dich:
❤ Ein Ritual: Vielleicht nimmst du dir allein oder mit liebenden Personen Zeit für ein Trauerritual. Ein Abend am Feuerkorb oder Meer, an einem besonderen Ort der Ruhe und Einkehr. Schreib oder sprich über deine verlorene Zukunftsidee, die nie werden durfte.
❤ Schreib einen Brief, an dein Zukunfts-Ich oder das Kind, das nicht ist: Sei ehrlich und offen, verabschiede dich und vielleicht willst du den Brief am Ende rituell „gehen lassen“, ihn an einem Ort in der Natur begraben, als Papierboot oder Flaschenpost auf den Wasserweg senden oder über das Feuer der Luft übergeben. Lass die Worte frei, statt sie weiter versteckt aufzuheben.
❤ Mal ein Bild: Wenn du gern malst, male vielleicht ein Bild zum Thema „Trauer“, „Kinderwunsch“, „Familienglück“. Das habe ich getan.
❤ Therapeutische Unterstützung: Psychotherapie, Ergotherapie, Kunsttherapie, tiergestützte Therapie… Es ist viel möglich. Ich persönlich war als Selbstzahlerin insgesamt über drei lange und intensive Einheiten bei einer Psychologin, die nach dem Heilpraktikergesetz praktizierte. Sie hat ein Trauerritual mit mir durchgeführt, in dem das Kind, das nie war, von mir verabschiedet werden konnte.
❤ Literatur: Ich habe das Buch „Ich bin eine Frau ohne Kind“ gelesen. Es war voller realer Kurzgeschichten von den Konflikten, Selbstzweifeln und Identitätsproblemen, die dieser Prozess beinhalten kann. Auch dir kann es vielleicht gut tun, von anderen Erziehenden zu lesen, die die gleichen Gedanken und Gefühle in Bezug auf ihr Los mit neurodivergentem Kind erleben.
❤ Selbsthilfegruppen: Austausch tut uns Menschen gut. Wir brauchen immer mal wieder den Realitätscheck: Ich bin nicht allein. Es geht noch anderen wie mir. Das macht aus mir keinen schlechten Menschen.
Wahrnehmen, benennen, zulassen
Drei wichtige Schritte, damit Gefühle wie Trauer, Wut oder Scham gehen können. Übe, unangenehme Gefühle wahrzunehmen, ihre Ursache zu erkennen und sie ohne Wertung zuzulassen. Sprich darüber oder wiederhole ein Trauerritual.
Es klingt einfach, muss aber geübt werden: Du spürst etwas Unangenehmes in Bezug auf dein Kind? Sieh es dir ehrlich an und finde heraus, warum du es wirklich fühlst. Akzeptiere das Gefühl ohne Wertung und lass es da sein. Du wirst sehen, dass es dann von allein kleiner wird. Sprich darüber, gib dem Gefühl Ausdruck und Raum, z. B. indem du wieder eines der Trauerrituale wiederholst.
Freude und Liebe finden: mit dem Kind, das da ist

Manchmal hilft es, jeden Tag eine schöne Erfahrung mit dem Kind aufzuschreiben oder gemeinsam positive Eigenschaften zu entdecken. Das gelingt besser, wenn Raum für Trauer und Verarbeitung da war.
Ein neurodivergentes Kind bringt viele Herausforderungen mit sich, aber auch einmalige und wundervolle Eigenschaften. Dieser Blog wird dir helfen, mit der Zeit das Schöne und Wertvolle an deinem Kind und der damit verbundenen Neurodivergenz zu entdecken.
Verantwortung von Fachpersonen: Erziehende stärken – Trauer begleiten
Bindungsprobleme sind ein Tabu. Therapeut:innen sollten einen geschützten Raum bieten, in dem Eltern ehrlich über ihre Gefühle sprechen können.
Da meine Erziehenden in der Behandlung dabei sind, nehme ich viel schneller und mehr Hinweise auf einen möglichen Konflikt in ihrer Rolle zum Kind wahr und kann darauf zum Beispiel mit „Hausaufgaben“ reagieren oder eine Stunde „ohne“ Kind anbieten.
Tipps für Fachpersonen
☝ Erstgespräch/Anamnese ohne Kind: Ich gebe immer den Hinweis, dass es gut ist, über alles offen reden zu können, ohne dass Kinderohren mithören und der Selbstwert des Kindes geschädigt wird.
☝ Kommunikationshinweise: Ich spreche sehr früh an, wie wichtig es ist, dass Erziehende genug Raum in der Behandlung des Kindes bekommen, und fordere aktiv (und immer mal wieder) dazu auf, sich diesen Raum zu nehmen. Ist in der Zwischenzeit etwas vorgefallen, das unter vier Augen besprochen werden muss?
☝ Kommunikations-Tipps und Verhalten spiegeln: Je nach Situation kommt es vor, dass ich Aussagen oder Verhalten in der Erwachsenen-Kind-Interaktion spiegele und aus Kindersicht übersetze, wie etwas aufgenommen werden kann. Ziel ist es, eine wertschätzende, gewaltfreie Kommunikation zu fördern. Aber das darf Übung beinhalten und muss achtsam passieren.
☝ Strategien, wenn die Kommunikation ungünstig wird: Passiert es, dass in Gegenwart des Kindes Dinge zur Sprache kommen, die den Selbstwert tangieren, bitte ich die Erziehenden, kurz mit mir rauszugehen, während das Kind zum Beispiel eine Aufgabe weiter bearbeitet oder sich im Fühlbad beschäftigt.
☝ Innerer, wertschätzender Leitsatz: Erziehende wollen immer das Beste für ihr Kind. Aber sie sind Menschen, stecken in Mustern und Glaubenssätzen, Überforderung und Routinen fest oder kämpfen gegen eigene (oft genug unerkannte oder unbehandelte) Symptome. Dieser Leitsatz lässt sich übrigens auch sehr gut auf Fachpersonen in Kitas und Schulen übertragen. Wir Therapeut:innen sind oft so sehr Schutzpatronen des Kindes, dass wir urteilend und kurzsichtig werden.
☝ Information: Psychoedukation, also Wissen über zum Beispiel ADHS, ASS usw. des Kindes, ist immer der Schlüssel zu tiefgreifendem Verständnis und dazu, eine andere Kommunikation und neue Verhaltensweisen zu etablieren. Habe gute Infozettel zum Mitgeben parat und Familienübungen für alle oder auch mal nur die Erwachsenen, um das Wissen zu Hause auszubauen und deine Therapieinhalte zu integrieren.
Achtung: Nicht nur Zettel in die Hand drücken, sondern diese erst in der Therapie erarbeiten und auch bei den nächsten Terminen immer wieder darauf zurückkommen.
☝ Therapie als Us- & Quality-Time: Wenn du deine Therapie mit dem Familien-Team zusammen gestaltest, entsteht ein geschützter, geleiteter Raum für eine neue Art von Nähe und Interaktion. Es könnte Rituale geben, die deine „Kerntherapie“ begleiten. Zum Beispiel ein positiver Start und ein positives Ende.
Dafür bietet sich unter anderem Folgendes an:
❤ Positive Reflexion: Jeder darf 1–3 positive Dinge sagen, die in den letzten Tagen wertschätzend wahrgenommen wurden.
❤ Entspannung und Nähe: Vielleicht startest oder endest du mit einer Ruhe- und Nähesituation (geleitete Fantasiereise, Fühlübung, Rückenmalen …).
❤ Geleitetes Spiel: Muss sich erst „abgezappelt“ werden, kann man zusammen ein lustiges „Zappel“-Spiel spielen.
❤ Lösungen als Team erarbeiten: Bei mir gibt es oft Team-Aufgaben oder es wird parallel etwas erarbeitet und dann zusammengeführt, z. B.: „Jeder schreibt mal auf, was an der Hausaufgabensituation nervt!“ Oder: „Jeder schreibt mal auf, was eine coole Belohnung wäre, wenn man endlich mit den anstrengenden Hausaufgaben fertig ist!“ Oder es wird kreativ mit Aufgaben wie: „Jeder malt mal sein Wut-Monster und dann überlegen wir, was es braucht, um gehört zu werden.“ Es gibt tausend Möglichkeiten, die sich an den Zielen ableiten (darüber kannst du etwas in meinem Blog-Beitrag „Neurodivergenz in der Ergotherapie“ lesen).
Empfehlung: Du willst mehr wissen über dich oder dein Kind? Dann schau hier rein:
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