Dyskalkulie in der Grundschule: Neurobiologische Hintergründe und praktische Visualisierungstipps für die Klassen 1 bis 5

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend Dyskalkulie im Schulalltag sein kann. Schon als Kind – und auch heute noch – habe ich große Schwierigkeiten, Mengen wirklich zu erfassen und mir mathematische Zusammenhänge bildlich vorzustellen. Leider hat meine damalige Lehrerin geglaubt, ich sei einfach faul, und hat mich immer wieder vor der Klasse an die Tafel geholt, um meine vermeintliche Faulheit öffentlich zu machen. Diese Demütigungen haben dazu geführt, dass ich eine regelrechte Angst vor Mathematik entwickelt habe – eine Angst, die mich lange begleitet hat. Damit das deinen Schulkindern nicht passiert, obwohl du als Lehrkraft sicher immer im besten Interesse des Kindes handelst, möchte ich dir hier einige grundlegende Informationen und praktische Tipps an die Hand geben:
Was ist Dyskalkulie?
Warum das Kind nicht können kann.
Dyskalkulie, auch Rechenstörung genannt, ist eine tiefgreifende, neurobiologisch bedingte Lernstörung, die das mathematische Denken und Handeln beeinträchtigt. Kinder mit Dyskalkulie haben nachweislich andere neuronale Verschaltungen, insbesondere im parietalen Kortex (vor allem im intraparietalen Sulcus, IPS), der für das Mengen- und Zahlenverständnis zuständig ist. Die Zusammenarbeit mit dem präfrontalen Cortex (Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit) und dem Hippocampus (Gedächtnisbildung) ist weniger effizient. Das führt dazu, dass mathematische Konzepte nicht intuitiv erfasst und automatisiert werden können. Für Lehrkräfte ist es entscheidend zu verstehen: Das Kind „kann nicht können“ – es fehlt an neuronalen Grundlagen, nicht am Willen oder an der Intelligenz.
Dyskalkulie in der Vorschule: Zahlen und Mengen automatisieren – spielerische Förderung für den Alltag
Gerade in der Vorschule zeigt sich bei vielen Kindern mit Rechenstörung (Dyskalkulie), dass ihnen das Automatisieren von Zahlen und Mengen besonders schwerfällt. Während andere Kinder spielerisch lernen, dass „drei“ immer „drei“ ist – egal ob es sich um Äpfel, Autos oder Bauklötze handelt – bleibt diese grundlegende Zahl-Mengen-Verknüpfung für betroffene Kinder oft abstrakt und unsicher.
Warum ist das Automatisieren so wichtig?
Das sichere und schnelle Erkennen von Mengen (z.B. auf einen Blick zu sehen, dass es fünf Gegenstände sind, ohne abzählen zu müssen) bildet die Basis für alle weiteren mathematischen Fähigkeiten. Kinder mit Dyskalkulie müssen diese Automatisierung oft mühsam und immer wieder neu erarbeiten.
Praktische Tipps für die Vorschule: Zahlen und Mengen im Alltag automatisieren
- Zählreime und Bewegungsspiele:
Zählverse, Fingerspiele und Zehenspiele sind nicht nur lustig, sondern helfen, Zahlenfolgen und Mengen mit Bewegungen und Rhythmen zu verknüpfen. Bekannte Zählreime wie „Eins, zwei, drei, vier, fünf – ich komm jetzt!“ oder das gemeinsame Abklatschen von Fingern und Zehen fördern die Zahlwahrnehmung auf spielerische Weise. - Zählen im Alltag:
Nutze jede Gelegenheit, um mit den Kindern zu zählen: Treppenstufen beim Hochgehen, Fenster im Raum, Teller auf dem Tisch, Autos auf dem Parkplatz. So wird das Zählen zu einem natürlichen Bestandteil des Tages und Zahlen werden mit konkreten Situationen verbunden. - Gegenstände gruppieren und vergleichen:
Lasse die Kinder Alltagsgegenstände sortieren und in Gruppen legen („Lege drei Bälle hierhin und fünf Bauklötze dorthin – wo sind mehr?“). Das fördert das Mengenverständnis und die Fähigkeit, Mengen miteinander zu vergleichen.
Geometrische Formen im Alltag entdecken
Auch das Erkennen und Benennen von geometrischen Formen ist für Kinder mit Rechenstörung oft eine Herausforderung. Fördere die Wahrnehmung, indem du gemeinsam mit den Kindern Formen im Alltag suchst:
- „Welche Gegenstände im Raum sind rund wie ein Kreis?“
- „Findest du etwas, das aussieht wie ein Quadrat oder ein Dreieck?“
- Beim Spaziergang: „Welche Fenster sind rechteckig? Welche Verkehrsschilder sind dreieckig?“
Das bewusste Wahrnehmen und Benennen von Formen stärkt das geometrische Vorstellungsvermögen und legt eine wichtige Grundlage für das spätere Mathematiklernen.
Klasse 1: Grundlegendes Mengenverständnis und Zahlbegriff
1. Mengen konkret erleben:
- Alltagsmaterialien: Lasse die Kinder mit echten Gegenständen (z. B. Bauklötzen, Knöpfen, Kastanien) Mengen legen, vergleichen, sortieren und zählen.
- Eierkartons als Zehnerfeld: Ein leerer Eierkarton (10 Mulden) wird mit kleinen Gegenständen befüllt. So wird die Zahl „7“ als 7 gefüllte Mulden sichtbar – der Bezug zum Zehnerraum entsteht.
2. Zahlenbilder und Fingerbilder:
- Würfelbilder: Zeige Zahlen als Würfelbilder (wie auf Spielwürfeln), damit Kinder eine visuelle Vorstellung von Mengen entwickeln.
- Fingerbilder: Lasse Kinder Zahlen mit den Fingern zeigen und vergleichen, wie sich z. B. „5“ und „3“ anfühlen und aussehen.
3. Zahlenstrahl begehbar machen:
- Boden-Zahlenstrahl: Klebe einen Zahlenstrahl auf den Boden, auf dem die Kinder Zahlen „ablaufen“ oder „springen“. So erleben sie Addition und Subtraktion körperlich.
Klasse 2: Zahlenraum erweitern, erste Rechenoperationen
1. Perlenketten und Rechenketten:
- Zehnerperlenketten: Ketten mit 10 oder 20 Perlen, abwechselnd farbig, helfen beim Zählen, Zerlegen und Ergänzen.
- Rechenketten: Mit Perlen in Zehnergruppen (z.B. 5 rot, 5 blau) wird der Zehnerübergang sichtbar.
2. Rechengeschichten mit Material:
- Handlungsorientierte Aufgaben: Erzähle Geschichten („Du hast 9 Bonbons, 3 werden gegessen – wie viele bleiben?“) und lasse die Kinder mit echten Bonbons oder Plättchen nachlegen und wegnehmen.
3. Steckwürfel und Bausteine:
- Zahlen zerlegen: Kinder bauen die Zahl „8“ mit zwei unterschiedlich langen Würfeltürmen (z.B. 5 und 3), um die Zerlegung zu visualisieren.
4. Zahlenhäuser und Rechentabellen:
- Zahlenhäuser: Visualisiere Plus- und Minusaufgaben als „Häuser“ mit verschiedenen Wegen zum gleichen Ergebnis.
Klasse 3: Hunderterraum, schriftliche Rechenverfahren, Multiplikation
1. Hundertertafel und Hunderterfeld:
- Hunderterfeld: Ein großes Feld mit 100 Feldern (10×10) wird mit Plättchen belegt, um Zahlen, Zehner und Einer sichtbar zu machen.
- Zahlenmuster entdecken: Lasse Kinder Reihen und Spalten abdecken, um Muster und Zusammenhänge zu erkennen.
2. Stellenwertkarten und Farbcodes:
- Stellenwertkarten: Karten in unterschiedlichen Farben für Einer, Zehner, Hunderter – Kinder legen Zahlen zusammen und zerlegen sie wieder.
- Farbige Stellenwertblöcke: Zehnerstangen, Einerwürfel und Hunderterplatten in unterschiedlichen Farben machen das Dezimalsystem greifbar.
3. Malreihen visualisieren:
- Malreihen-Teppich: Ein Teppich oder Poster mit der Einmaleins-Tabelle, auf dem Kinder mit Spielfiguren Malaufgaben ablaufen können.
- Gruppen legen: Mit Plättchen oder Muggelsteinen werden z. B. „3 mal 4“ als drei Vierergruppen gelegt.
4. Rechenwege aufmalen:
- Schriftliche Verfahren visualisieren: Bei schriftlicher Addition/Subtraktion die Rechenschritte mit Pfeilen und Farben kennzeichnen.
Klasse 4: Zahlenraum bis 10.000, schriftliche Multiplikation und Division, Sachaufgaben
1. Zahlenstrahl erweitern:
- Langer Zahlenstrahl im Klassenzimmer: Bis 10.000, mit farbigen Markierungen für Tausender, Hunderter, Zehner. Kinder „wandern“ große Zahlen ab.
2. Sachaufgaben mit Material lösen:
- Textaufgaben nachspielen: Kinder spielen mit Spielfiguren oder Gegenständen die Aufgaben nach (z. B. „Wie viele Plätze sind in 5 Reihen mit je 8 Stühlen?“ – Stühle aufstellen und zählen lassen).
3. Division als Aufteilen visualisieren:
- Teilen mit Plättchen: „20 Plättchen werden auf 4 Gruppen verteilt – wie viele sind in jeder Gruppe?“ Das Kind legt die Plättchen selbst aus.
4. Rechenwege aufzeichnen:
- Pfeildiagramme: Bei mehrschrittigen Aufgaben werden die einzelnen Rechenschritte mit Pfeilen und Symbolen gezeichnet.
5. Sachbezogene Diagramme:
- Balken- und Säulendiagramme: Ergebnisse aus Umfragen oder Messungen werden gemeinsam als Diagramm gebaut (z. B. mit Legosteinen).
Klasse 5: Dezimalzahlen, Brüche, komplexere Sachaufgaben
1. Brüche visualisieren:
- Bruchkreise und Bruchstreifen: Kreise oder Streifen aus Pappe werden in gleiche Teile geschnitten und zusammengesetzt, um Brüche zu vergleichen und zu addieren.
- Pizza-Modelle: Mit Pizzastücken oder Kuchenstücken werden Brüche anschaulich gemacht.
2. Dezimalzahlen und Stellenwerte:
- Dezimalstellen mit Farben: Jede Dezimalstelle bekommt eine eigene Farbe, z. B. Zehntel = gelb, Hundertstel = orange.
- Dezimalstellen auf dem Zahlenstrahl: Dezimalzahlen auf einem Zahlenstrahl eintragen, um die Lage zu verdeutlichen.
3. Prozent mit Alltagsbezug:
- Prozentstreifen: 100er-Streifen, die in 10er-Abschnitte geteilt werden, machen Prozentwerte sichtbar.
- Umfragen auswerten: Ergebnisse in Prozent gemeinsam ausrechnen und als Diagramm darstellen.
4. Komplexe Sachaufgaben visualisieren:
- Skizzen und Schaubilder: Kinder zeichnen zu jeder Sachaufgabe ein Bild oder ein Schaubild, um die Situation zu erfassen.
5. Digitale Tools gezielt einsetzen:
- Apps für Brüche und Dezimalzahlen: Programme wie „Bruchrechner“ oder „GeoGebra“ bieten interaktive Visualisierungen.
Wichtige Hinweise für Lehrkräfte:
- Geduld und Wertschätzung: Lobe Fortschritte, nicht nur richtige Ergebnisse.
- Regelmäßige Wiederholung: Visualisierungen müssen immer wieder eingesetzt werden, damit sich neuronale Verbindungen festigen.
- Individuelle Hilfsmittel: Erlaube dem Kind, eigene Hilfsmittel (z. B. Zahlenstrahl, Rechenrahmen) auch bei Tests zu nutzen.
- Eltern einbeziehen: Erkläre den Eltern, warum Visualisierung so wichtig ist, und gib Tipps für zu Hause.
Fazit:
Dyskalkulie ist eine tiefgreifende Rechenstörung, die durch anders vernetzte Hirnstrukturen entsteht. Kinder mit Dyskalkulie brauchen konkrete, anschauliche und handlungsorientierte Zugänge zur Mathematik – und das über alle Klassenstufen hinweg. Mit gezielten Visualisierungshilfen, viel Geduld und Verständnis kannst du als Lehrkraft entscheidend dazu beitragen, dass betroffene Kinder mathematische Zusammenhänge begreifen und Selbstvertrauen entwickeln.
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