Auditive Wahrnehmung bei Kindern: Ein Leitfaden für Erziehende

Die auditive Wahrnehmung ist ein zentrales Element der kindlichen Entwicklung. Sie beeinflusst, wie Kinder Sprache verstehen, sich mitteilen und Wissen aufnehmen. Doch was bedeutet auditive Wahrnehmung genau? Wie lässt sie sich von Störungen wie der auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS), ADHS oder dem Autismus-Spektrum abgrenzen? Und wie können Erziehende ihre Kinder im Alltag und in der Schule gezielt unterstützen? Dieser Beitrag bietet einen umfassenden Überblick, praktische Tipps und Orientierung für den Alltag.


Was ist auditive Wahrnehmung?

Die auditive Wahrnehmung beschreibt die Fähigkeit, Geräusche, Töne und Sprache mit dem Gehör aufzunehmen, zu unterscheiden, zu verarbeiten und ihnen Bedeutung zuzuordnen. Sie ist die Grundlage für den Spracherwerb, das Verstehen von Anweisungen und die soziale Interaktion. Schon Babys reagieren auf Stimmen und Geräusche, doch die Entwicklung der auditiven Wahrnehmung setzt sich bis ins Schulalter fort.

Wichtige Teilbereiche der auditiven Wahrnehmung:

  • Unterscheidung von Lauten: Kinder lernen, verschiedene Laute und Geräusche voneinander zu unterscheiden (z.B. „b“ vs. „d“).
  • Richtungshören: Die Fähigkeit, Geräuschquellen räumlich zuzuordnen.
  • Auditive Merkfähigkeit: Das Behalten und Wiedergeben gehörter Informationen.
  • Sprachverständnis: Das Erfassen von Bedeutung und Zusammenhängen in gesprochener Sprache.
  • Figur-Grund-Wahrnehmung: Das Heraushören wichtiger Geräusche oder Stimmen aus einem Geräuschpegel (z.B. die Stimme der Erziehenden im Klassenlärm).

Abgrenzung: AVWS, ADHS und Autismus-Spektrum

Viele Erziehende fragen sich, wie sie Auffälligkeiten in der auditiven Wahrnehmung einordnen können. Hier ist eine Übersicht zur Abgrenzung:

1. Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)

AVWS ist eine neurologisch bedingte Störung, bei der das Gehör organisch gesund ist, aber die Verarbeitung von Geräuschen und Sprache im Gehirn beeinträchtigt ist. Kinder mit AVWS hören „normal“, haben aber Schwierigkeiten, Gehörtes zu verstehen, zu verarbeiten und darauf zu reagieren.

Typische Anzeichen:

  • Probleme, gesprochene Sprache in lauter Umgebung zu verstehen
  • Schwierigkeiten beim Nachsprechen oder Nacherzählen
  • Verwechseln ähnlich klingender Wörter oder Laute
  • Auffälligkeiten beim Schreiben und Lesen

2. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

ADHS ist eine neurobiologische Störung, die sich durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität äußert. Kinder mit ADHS können auditive Informationen zwar aufnehmen, haben aber Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit gezielt zu steuern.

Typische Anzeichen:

  • Leichtes Ablenken durch Geräusche
  • Unkonzentriertheit bei mündlichen Anweisungen
  • Vergessen von Gehörtem, weil die Aufmerksamkeit abschweift

3. Autismus-Spektrum-Störung (ASS)

Bei Kindern im Autismus-Spektrum können Besonderheiten in der auditiven Wahrnehmung auftreten, z.B. Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen oder Schwierigkeiten, Gesprochenes zu interpretieren.

Typische Anzeichen:

  • Überreaktion auf Alltagsgeräusche (z.B. Staubsauger, Klingel)
  • Selektives Hören (bestimmte Stimmen oder Geräusche werden bevorzugt wahrgenommen)
  • Schwierigkeiten, Sprache im sozialen Kontext zu verstehen

Wichtig: Die Symptome können sich überschneiden. Eine genaue Diagnostik ist entscheidend!


Diagnostik: Wie wird eine auditive Wahrnehmungsstörung festgestellt?

Die Diagnostik sollte immer interdisziplinär erfolgen. Ansprechpartner sind Kinderärztinnen, HNO-Ärztinnen, Phoniaterinnen, Pädaudiologinnen, Logopädinnen und Psychologinnen.

Ablauf der Diagnostik:

  1. Anamnese: Erhebung der Vorgeschichte und der aktuellen Auffälligkeiten.
  2. Hörtest: Ausschluss einer organischen Hörstörung.
  3. Spezielle Testverfahren: Überprüfung der auditiven Teilfunktionen (z.B. Lautdifferenzierung, Richtungshören, Merkfähigkeit).
  4. Verhaltensbeobachtung: Einschätzung im Alltag und in der Schule.
  5. Zusätzliche Diagnostik: Bei Verdacht auf ADHS oder ASS weiterführende Untersuchungen.

Tipp für Erziehende: Führen Sie ein Beobachtungstagebuch, um Auffälligkeiten zu dokumentieren und gezielt an Fachkräfte weiterzugeben.


Alltagshilfen: Wie können Erziehende unterstützen?

Kinder mit Auffälligkeiten in der auditiven Wahrnehmung profitieren von gezielten Unterstützungsmaßnahmen im Alltag. Hier einige bewährte Tipps:

1. Strukturierte Kommunikation

  • Sprechen Sie langsam, deutlich und in kurzen Sätzen.
  • Blickkontakt und Gestik unterstützen das Verständnis.
  • Wiederholen Sie wichtige Informationen und lassen Sie Ihr Kind das Gehörte nacherzählen.

2. Geräuschumgebung anpassen

  • Reduzieren Sie Hintergrundgeräusche (z.B. Fernseher, Musik) bei wichtigen Gesprächen.
  • Schaffen Sie ruhige Arbeitsbereiche für Hausaufgaben.

3. Auditive Spiele und Übungen

  • „Ich packe meinen Koffer“ zur Förderung der auditiven Merkfähigkeit.
  • Geräuschememory oder Hörgeschichten zum Training der Unterscheidungsfähigkeit.

4. Visualisierung nutzen

  • Ergänzen Sie gesprochene Anweisungen durch Bilder, Symbole oder schriftliche Notizen.
  • Tagespläne und Checklisten helfen, Gehörtes zu strukturieren.

5. Pausen und Bewegung

  • Regelmäßige Pausen helfen, die Aufmerksamkeit zu bündeln.
  • Bewegungsspiele unterstützen die Konzentration und Wahrnehmung.

Schulische Unterstützung: Hilfen für den Unterricht

Auch im schulischen Kontext sind gezielte Maßnahmen wichtig, um Kinder mit auditiven Wahrnehmungsproblemen zu fördern:

1. Sitzplatzwahl

  • Ein Platz nahe der Lehrkraft und weg von Lärmquellen erleichtert das Zuhören.

2. Klare Anweisungen

  • Kurze, prägnante Arbeitsaufträge geben und sicherstellen, dass sie verstanden wurden.

3. Visualisierung

  • Tafelbilder, Piktogramme und schriftliche Arbeitsanweisungen ergänzen das gesprochene Wort.

4. Technische Hilfsmittel

  • Einsatz von FM-Anlagen (Mikrofon für die Lehrkraft, Empfänger für das Kind) kann die Sprachverständlichkeit erhöhen.

5. Differenzierte Aufgabenstellung

  • Individuelle Anpassung von Aufgaben und Zeitvorgaben.

6. Zusammenarbeit mit Fachkräften

  • Austausch zwischen Schule, Erziehenden, Therapeutinnen und ggf. Schulpsychologinnen.

Wann ist professionelle Unterstützung sinnvoll?

Wenn Sie als Erziehende den Eindruck haben, dass Ihr Kind trotz gezielter Unterstützung weiterhin Schwierigkeiten beim Hören, Verstehen oder Umsetzen von Gehörtem hat, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Frühzeitige Förderung kann langfristige schulische und soziale Nachteile verhindern.

Anlaufstellen:

  • Kinderärzt*innen
  • HNO-Ärzt*innen
  • Logopäd*innen
  • Frühförderstellen
  • Schulpsycholog*innen

Fazit: Mit Verständnis und Unterstützung zum Erfolg

Die auditive Wahrnehmung ist ein wichtiger Baustein für das Lernen, die Kommunikation und die soziale Entwicklung von Kindern. Auffälligkeiten in diesem Bereich sind keine Seltenheit und können viele Ursachen haben. Mit gezielter Förderung, Verständnis und der richtigen Unterstützung können Erziehende dazu beitragen, dass ihr Kind sein Potenzial entfaltet und sich in Schule und Alltag wohlfühlt.

Wichtige Stichworte für die Suche und weitere Informationen:

  • Auditive Wahrnehmung
  • AVWS
  • ADHS
  • Autismus
  • Diagnostik
  • Alltagshilfen
  • Schulische Unterstützung
  • Hörverarbeitung bei Kindern
  • Sprachentwicklung fördern

Tipp: Bleiben Sie im Austausch mit Fachkräften und anderen Erziehenden. Jedes Kind ist einzigartig – gemeinsam finden Sie den besten Weg für Ihr Kind!

Aber es gibt noch mehr Gründe, warum DEIN Kind nicht hört. Wie du mit deinen eigenen Worten erreichen kannst, dass dir dein Kind besser zuhört, liest du: HIER


Quellen und weiterführende Links:

  • Bundesverband für Logopädie e.V.
  • Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie
  • Elternratgeber AVWS (z.B. vom Deutschen Berufsverband der Hörgeschädigtenpädagogen)

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5 Antworten zu „Auditive Wahnrehmung beim Kind mit Neurodiversität”.

  1. […] Aber es gibt noch mehr Gründe, warum DEIN Kind nicht hört. Warum Geräusche manchmal nicht die richtigen Orte im Gehir erreichen un das du dagegen tun kannst, liest du: HIER […]

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