Ich habe viel Respekt vor jeder Art von Drogen, ganz egal ob legal oder illegal, weil ich schon immer gespürt habe, dass es angenehm und einfach wäre, sie für ein gutes Gefühl und weniger Kopfchaos zu nutzen.
Aber ich kenne den geradezu sehnsuchtsvollen Gedanken an das Glas Wein am Abend, um die Tagesfülle an Reizen, die mich in den ruhiger werdenden Abendstunden anspringen, zu dämpfen. Oder die Lust am Essen, um die Leere rund um unangenehme Gefühle zu stopfen. Oder die Freude an der Selstdisziplin & Selbstkontrolle, wenn man sich über Sport und Essverhalten „bei der Stange“ hält. Dazu kommt der Lockruf der Medienwelt. Ich bin nahezu vor dem Fernseher aufgewachsen -rausgehen und spielen? Nicht ich. Ich hätte ja gern, aber viele Kinder die mit mir spielen wollten, gab es nicht und für viele Spiele war ich zu ungeschickt.
Das Fernsehen bot Ersatz. Ich war verliebt in Dieterle Comic-Helden und verlor mich ganz in einer kontrollierbaren, spannenden und stimulierenden, bunten Welt. Das galt auch für Bücher – bis heute. Manchmal finde ich nur schwer den Rückweg in die echte Welt, wenn ich zu lange gelesen habe.

Mit einem ND-Hirn ausgestattet, fühlt und denkt man viel. Das Leben ist oft zu laut, zu schnell, die Gefühle zu tief, die Gedanken rasen und allzu oft, fühlt man sich seinem Gehirn und Körper ausgeliefert. Das hört sich für neuronormative Menschen, also alle mit „Standardhirn“ wie blumige Metaphern an. Aber es sind keine. Und vielleicht kennst du das auch?

Es dauert lange, die richtigen Techniken zu lernen, einzuüben und als Routine in den Alltag zu integrieren, um die unangenehmen Aspekte eines ND-Hirns besser steuern zu können. Ein Glas Wein ist schneller eingegossen, ein Joint fix gedreht und die Wirkung setzt sofort ein: Menschen mit unbehandelter Neurodivergenz neigen dazu, sich selbst zu „medikamentieren“ und dann ist der Weg in die Sucht schnell beschritten.
Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang von Neurodiversität und Sucht, erklärt, warum neurodiverse Menschen besonders gefährdet sind, und zeigt gesunde Strategien, wie man Ruhe im Kopf finden kann – ohne in Suchttendenzen zu rutschen.
Was bedeutet Neurodiversität?
Der Begriff Neurodiversität beschreibt die Vielfalt menschlicher Gehirne und Nervensysteme. Statt neurologische Unterschiede als Defizite zu betrachten, versteht man sie als Varianten menschlicher Existenz. Dazu gehören unter anderem:
- ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)
- Autismus-Spektrum
- PDA (Subtyp der ASS)
- Hochsensibilität
- Lern- und WahrnehmungsbesonderheitenH
- Hochbegabung
Neurodiverse Menschen nehmen die Welt oft intensiver wahr, denken in anderen Mustern und verfügen über besondere Stärken – etwa Kreativität, Empathie oder außergewöhnliche Problemlösungsfähigkeiten. Gleichzeitig bedeutet diese Intensität jedoch auch, dass das Nervensystem schneller überlastet ist. Das nennen wir „reizoffen“. Es werden mehr Eindrücke aufgenommen, als angenehm verarbeitet werden können.
Dadurch wird das Gehirn stärker „gefüttert“, bildet zusätzliche synaptische Verknüpfungen und lernt schneller. Gleichzeitig entsteht jedoch eine Überlastung: Es gibt so viel zu verarbeiten, dass es zu einer Art Stau in den Synapsen kommt. Informationen (Reize) können dann nicht mehr schnell genug verarbeitet werden oder erreichen den Verarbeitungsort nur verzögert.
Deshalb verspreche ich mich zum Beispiel häufig, weil mein Mund mit der motorischen Umsetzung meiner Denkgeschwindigkeit nicht Schritt halten kann.
der motorischen Umsetzung meiner Denkgeschwindigkeit nicht folgen kann.
Warum sind neurodiverse Menschen suchtgefährdeter?
Die Verbindung zwischen Neurodiversität und Suchtverhalten ist wissenschaftlich gut belegt. Mehrere Faktoren spielen dabei eine Rolle:
- Reizüberflutung: Dauerhafte Überlastung durch Geräusche, Licht, soziale Interaktionen oder innere Gedanken führt zu einem starken Bedürfnis nach Entlastung.
- Impulsivität: Besonders bei ADHS ist die Hemmschwelle für kurzfristige Lösungen niedriger – der Griff zum Glas Wein oder zur Zigarette erfolgt schneller. Wir ND-s denken oft genug nicht an die Konsequenzen einer Handlung & leben im Moment. Vor allem, wenn wir noch jünger sind und weniger Zeit hatten, Impulskontrolle zu üben.
- Emotionale Intensität: Gefühle werden stärker erlebt, sowohl positiv als auch negativ. Sie sind oft so intensiv, dass wir sie kaum aushalten können. Vorallem in der Kindheit und Jugend, aber auch weit darüber hinaus, stürzen wir von ganz oben nach ganz unten in 5 Sekunden und das kann auch mehrfach an einem Tag passieren. Substanzen können scheinbar helfen, diese Extreme zu regulieren.
- Soziale Belastungen: Viele neurodiverse Menschen erleben Ausgrenzung, Missverständnisse oder Einsamkeit. Vor allem in der Kindheit erleben wir, dass wir eine Belastung sind, für unsere Eltern und in der Schule. Egal wie bemüht das erwachsene Umfeld ist, wir ernten als ND-Kids mehr verzweifelte Seufzer und negative Kommentare über unser Verhalten, als alle anderen Kinder. Und wir bekommen das mit, denn unser Empathiefähigkeit ist oft äußerst gut ausgeprägt.
- Dopaminmangel: Bei ADHS ist das Belohnungssystem oft unterversorgt. Aber Menschen freuen sich nun mal gerne. Wir ND´s brauchen eine höhere Anstrengung für Freude, oder müssen erst lernen, auch aus den kleinen Zufriedenheiten des Lebens Kraft zu ziehen. Alkohol, Drogen oder riskantes Verhalten liefern schnelle Dopamin-Kicks.
„Ein Glas Ruhe“ – warum Sucht so verführerisch wirkt
Alkohol, Cannabis, Medikamente oder auch Verhaltenssüchte wie Gaming, Social Media oder Essen wirken wie ein Schalter: Plötzlich ist der Kopf leiser, die Welt weniger anstrengend, das Herz ruhiger.
Doch diese Ruhe ist trügerisch. Was kurzfristig Entlastung bringt, verstärkt langfristig die Probleme: Das Gehirn gewöhnt sich an die Abkürzung und verlangt nach mehr. So entsteht ein Kreislauf, der schwer zu durchbrechen ist.
Warnsignale für Suchtverhalten bei Neurodiversität
Viele Menschen bemerken erst spät, dass sie in ein Suchtmuster geraten sind. Typische Anzeichen sind:
- Der Konsum oder das Verhalten ist die einzige Strategie, um Stress zu bewältigen.
- Es entsteht ein starkes, schwer kontrollierbares Verlangen.
- Andere Lebensbereiche (Arbeit, Beziehungen, Gesundheit) leiden darunter, denn man kann sich nicht mehr gut konzentrieren.
- Schuldgefühle oder Heimlichkeit begleiten das Verhalten. Es wird heimlich gegessen oder vertuscht, dass man nicht gegessen hat. Heimlich getrunken, gekifft oder gezockt.
- Ohne die Substanz oder das Verhalten entsteht innere Unruhe oder Gereiztheit.
Gesunde Alternativen: Ruhe im Kopf ohne Sucht
Die gute Nachricht: Es gibt viele Wege, Ruhe zu finden, die nachhaltig und gesund sind. Besonders für neurodiverse Menschen können folgende Strategien hilfreich sein:
1. Körperliche Regulation
- Bewegung (Spaziergänge, Sport, Tanzen)
- Yoga oder Qi Gong
- Atemübungen oder progressive Muskelentspannung
2. Sinnliche Erdung
- Barfußgehen auf Gras oder Sand
- Stressbälle, Knete oder Fidget-Tools
- Duftöle oder beruhigende Tees
3. Kreative Kanäle
- Tagebuch schreiben
- Malen, Musizieren, Handarbeiten
- Kreative Projekte, die Struktur und Ausdruck verbinden
4. Struktur und Routinen
- Klare Tagesabläufe schaffen Sicherheit
- Pausen bewusst einplanen
- Feste Rituale zum Runterkommen (z. B. Abendroutine)
5. Soziale Unterstützung
- Gespräche mit vertrauten Menschen
- Selbsthilfegruppen oder Online-Communities
- Therapeutische Begleitung
6. Achtsamkeit und Meditation
- Kurze Meditationen (z. B. 5 Minuten Atemfokus)
- Body-Scan zur Entspannung
- Apps oder geführte Meditationen speziell für ADHS oder Autismus
Eltern-Tipp
Bist du Eltern und um das Konsumverhalten deines Kindes besorgt? Steige als erstes aus, aus einer destruktiven Kommunikation & spiegele deinem Kind, dass du sein Bedürfnis hinter dem Konsum siehst. Es bedeutet Kindern viel, wenn ihre Eltern die Schwierigkeiten anerkennen und sehen und das Bedürfnis nach Ablenkung, Ruhe, Freude und sozialen Kontakt, den Konsum bietet.
Süchte und ihre „positiven“ Funktionen für das Kind
- Alkohol
Wirkt beruhigend, dämpft innere Anspannung und vermittelt kurzfristig das Gefühl von Kontrolle über belastende Gefühle. - Kiffen (Cannabis)
Schafft Distanz zu Stress, reduziert Druck und vermittelt ein Gefühl von Entspannung und „Abschalten“. - Gaming
Bietet schnelle Erfolgserlebnisse, klare Regeln, soziale Freude durch Gemeinschaft und Zugehörigkeit sowie ein Gefühl von Kompetenz. - Shopping
Erzeugt kurzfristige Glücksgefühle, Selbstbelohnung und das Gefühl, sich etwas Besonderes „wert“ zu sein. - Essen (Überessen)
Gibt Trost, Beruhigung und unmittelbare Belohnung; vermittelt Wärme und Selbstfürsorge. - Sport (exzessiv)
Liefert Dopamin-Kicks durch körperliche Aktivität, Erfolgserlebnisse und Anerkennung; vermittelt Stärke und Selbstwirksamkeit. - Essensverweigerung
Gibt das Gefühl von Kontrolle über den eigenen Körper und das Leben, vermittelt Selbstbestätigung und manchmal auch Anerkennung von außen.
Alle diese Verhaltensweisen sind Versuche, ein inneres Ungleichgewicht – oft ein Dopaminmangel – auszugleichen. Sie verschaffen Kontrolle, Freude, Zugehörigkeit oder Erfolgserlebnisse, die im Alltag fehlen.
Fazit: Ruhe finden, ohne sich zu verlieren
Neurodiverse Menschen tragen besondere Schätze in sich – aber auch besondere Herausforderungen. Die Sehnsucht nach Ruhe ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Balance.
„Ein Glas Ruhe“ sollte nicht aus Alkohol oder anderen Substanzen bestehen, sondern aus gesunden Strategien, die Körper und Geist wirklich nähren. Wer merkt, dass er immer häufiger nach schnellen Lösungen greift, darf dies als Einladung verstehen: innezuhalten, hinzusehen und neue Wege zu finden.
Ruhe ist möglich – auch ohne Glas.

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