Ich war selbst eines dieser Kinder und Jugendlichen: exzessives Fernsehen, lesen, essen und später Sport und Essverweigerung Ersteres gab mir einen Ersatz für Freunde und sprach mein Belohnungszentrum und meine Fantasie an, letzteres ließ mich Kontrolle über mein Leben erfahren und gab mir ein sehr klares Körpergefühl.

Das sind die Schlagworte, um betroffene Kinder zu verstehen:
Kontrolle: wenn man sich seinem Erleben ausgeliefert fühlt.
Autonomieerleben: wenn man sich immer fremdbestimmt empfindet.
Körpergefühl: Wenn das Fühlen oft zu viel ist & nur besonders „Harte“ Reize alles andere überlagern können.
Macht: Wenn man sich ausgeliefert fühlt durch Mobbing, Ausgrenzung und Versagensgefühlen.
Belohnung: Wenn der Mangel an Dopamin dies nur mit „zu viel“ vom „Guten“ zulässt.
Kinder können sich nich nicht selbst in ihren Emotionen und Verhalten regulieren können. Erst recht nicht mit einem neurodiversen Gehirn.
Viele Eltern stehen ratlos vor dem Verhalten ihrer Kinder: Alkohol, Kiffen, Gaming, exzessiver Sport, Shopping, Essen oder Essensverweigerung – all das kann für Kinder und Jugendliche eine Art „Selbstmedikation“ sein. Hinter diesen Verhaltensmustern steckt oft kein „schlechtes Benehmen“, sondern ein Versuch, mit einem überlasteten Nervensystem und innerer Anspannung umzugehen.
Neurodiverse Kinder – etwa mit ADHS, Autismus-Spektrum, Hochsensibilität oder Hochbegabung – sind besonders gefährdet. Sie nehmen die Welt intensiver wahr, erleben Gefühle tiefer und geraten schneller in Überforderung. Genau hier setzt das Risiko für Sucht an.
Warum neurodiverse Kinder suchtgefährdeter sind
- Reizüberflutung: Das Gehirn ist ständig „an“, Geräusche, Licht und Emotionen prasseln ungefiltert ein. Gedanken rasen. Die Welt ist „zu laut“ ist hier nicht nur eine Phrase. Substanzen oder bestimmte Verhaltensweisen wirken wie ein Schalter, der Ruhe bringt.
- Impulsivität: Besonders bei ADHS fällt es schwer, Impulse zu kontrollieren. Ihr Frontalhirn ist schlechter durchblutet -und das reguliert ihre Impulshemmung und gibt uns die Möglichkeit, Handlungen zu planen und Konsequenzen zu bedenken. Weniger Blut in diesem Hirnareal = weniger Funktion. Der Griff zum Glas, zur Konsole oder zum Essen erfolgt schneller.
- Emotionale Intensität: Gefühle sind extrem stark – Freude, Trauer, Wut oder Angst. Von 0 auf 100 ist hier auch keine Übertreibung. Das als erwachsene Person auszuhalten ist oft schwer, aber als Kind: oft unmöglich. Substanzen scheinen kurzfristig zu helfen, diese Extreme auszubalancieren.
- Soziale Belastungen: Viele ND-Kinder erleben Ausgrenzung, Missverständnisse oder Einsamkeit. Konsum oder Suchtverhalten verschafft das Gefühl von Zugehörigkeit oder Trost. Wir scheitern in der Schule, werden oft gescholten und andere Kinder grenzen uns aus, weil wir „seltsam“ sind. Zu laut, zu leise, zu empfindsam, zu ungeschickt… Je nach Spektrum.
- Dopaminmangel: Das Belohnungssystem arbeitet bei ADHS und anderen ND-Varianten oft „unterversorgt“. Was andere froh macht, reicht bei uns nicht aus. Deswegen gehen wir gern Risiken ein und treffen schlechte Entscheidungen, weil wir auch die Gefahr nicht erkennen und Konsequenzen nicht abschätzen können. Alkohol, Gaming oder Sport liefern schnelle Dopamin-Kicks, die im Alltag fehlen.
Süchte und was sie Kindern „geben“
Eltern sollten verstehen: Jede Sucht erfüllt für das Kind zunächst eine positive Funktion – sie ist ein Versuch, ein inneres Ungleichgewicht auszugleichen. Verhalten / Sucht „Positive“ Funktion für das Kind Alkohol Beruhigt, dämpft Anspannung, vermittelt Kontrolle über Gefühle Kiffen (Cannabis) Schafft Distanz zu Stress, Entspannung, „Abschalten“ Gaming Erfolgserlebnisse, klare Regeln, soziale Freude, Zugehörigkeit Shopping Kurzfristige Glücksgefühle, Selbstbelohnung, Gefühl von Wert Essen (Überessen) Trost, Beruhigung, Belohnung, Wärme und Selbstfürsorge Sport (exzessiv) Dopamin-Kicks, Erfolg, Anerkennung, Gefühl von Stärke Essensverweigerung Kontrolle über den Körper, Selbstbestätigung, Anerkennung
Alle diese Verhaltensweisen sind Versuche, Dopaminmangel, Kontrollverlust oder soziale Leere auszugleichen.
Warnsignale für Eltern
Eltern sollten aufmerksam werden, wenn:
- Konsum oder Verhalten die einzige Stressbewältigung ist
- ein starkes, schwer kontrollierbares Verlangen entsteht
- Schule, Freundschaften oder Gesundheit darunter leiden
- Heimlichkeit oder Schuldgefühle das Verhalten begleiten
- ohne Konsum innere Unruhe oder Gereiztheit auftreten
Gesunde Alternativen: Ruhe im Kopf ohne Sucht
Kinder brauchen Strategien, die langfristig helfen. Je nach Alter ist es nicht zu erwarten, dass ein ND-Kind dies nur mit guten Vorschlägen von Außen schafft. Sie brauchen DICH, als erwachsene Person für Co-Regulation. Du bist der Fels in der Brandung, das Vorbild, der Anker.
Von dir lernen sie langsam gesunde Routinen und Alternativen:
- Körperliche Regulation: Bewegung, Sport in Maßen, Atemübungen
- Sinnliche Erdung: Barfußgehen, Fidget-Tools, beruhigende Düfte
- Kreative Kanäle: Malen, Musik, Schreiben, Handarbeiten
- Struktur und Routinen: Feste Tagesabläufe, Pausen, Abendrituale
- Soziale Unterstützung: Gespräche, Selbsthilfegruppen, Therapie
- Achtsamkeit und Entspannung: Meditation, Body-Scan, Yoga
- Ausdruck von Emotionen: hilf deinem Kind Worte für Gefühle zu finden und biete Schutz und Hilfe, wenn alles zu viel ist
Eltern-Tipp: Bedürfnisse hinter dem Verhalten sehen
Wenn dein Kind konsumiert oder suchtähnliches Verhalten zeigt, vermeide Vorwürfe. Steige aus der destruktiven Kommunikation aus und spiegele deinem Kind: „Ich sehe, dass du Ruhe, Freude oder Zugehörigkeit suchst.“
Kinder fühlen sich verstanden, wenn Eltern nicht nur das Verhalten, sondern auch das Bedürfnis dahinter anerkennen. Das öffnet Türen für Gespräche und gesunde Alternativen.
Weitere Hilfen für Kinder und Jugendliche mit Suchtgefahr oder Neurodiversität
- Kinder- und Jugendpsychotherapie
Hilft Kindern, Gefühle zu verstehen, zu verarbeiten und gesunde Strategien im Umgang mit Stress, Ängsten oder Überforderung zu entwickeln. - Verhaltenstherapie
Unterstützt dabei, ungünstige Denkmuster und Verhaltensweisen zu erkennen und Schritt für Schritt durch hilfreiche, gesunde Alternativen zu ersetzen. Besonders wirksam bei ADHS, Ängsten und Suchtverhalten. - Ergotherapie
Fördert Selbstregulation, Konzentration, Motorik und Struktur im Alltag. Kinder lernen, ihre Wahrnehmung besser zu steuern und Überlastungen vorzubeugen. - Suchtberatungsstellen für Jugendliche
Bieten vertrauliche Gespräche, Aufklärung und konkrete Unterstützung bei riskantem Konsum oder beginnender Abhängigkeit. Sie entlasten Eltern und geben Jugendlichen einen neutralen Ansprechpartner. - Familientherapie
Stärkt die Kommunikation in der Familie, löst Konflikte und hilft Eltern, die Bedürfnisse ihres Kindes besser zu verstehen. - Schulpsychologische Beratung
Unterstützt Kinder im schulischen Umfeld, vermittelt bei Problemen mit Lehrkräften und hilft, Lern- und Verhaltensstrategien zu entwickeln. - Selbsthilfegruppen (z. B. für Jugendliche mit ADHS oder Suchtproblemen)
Geben Jugendlichen das Gefühl, nicht allein zu sein, und bieten Austausch mit anderen Betroffenen. - Medikamente bei ADHS & Co.
Bei ADHS oder anderen neurodiversen Diagnosen können Medikamente (z. B. Stimulanzien wie Methylphenidat oder Amphetaminpräparate) helfen, den Dopaminhaushalt im Gehirn auszugleichen. Sie verbessern Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und emotionale Stabilität – und senken damit indirekt auch das Risiko, dass Kinder zu Suchtmitteln greifen, um sich selbst zu regulieren. Medikamente sind manchmal nur ein guter „Übergangsbegleiter“, bis alle anderen Maßnahmen integriert sind. Keinesfalls sind sie eine Einzelstrategie und sie sind auf jeden Fall besser, als Drogen.
Eltern-Fazit
Kinder und Jugendliche mit Neurodiversität brauchen mehr als „Verbote“ oder „Strenge“. Sie brauchen Verständnis, Struktur und professionelle Unterstützung. Psychotherapie, Ergotherapie, Verhaltenstherapie, Medikamente und Beratungsstellen sind wertvolle Bausteine, um Kindern zu helfen, gesunde Wege zur Selbstregulation zu finden – und Eltern zu entlasten.
Fazit: Ruhe finden, ohne sich zu verlieren
Neurodiverse Kinder haben besondere Stärken – Kreativität, Empathie, außergewöhnliche Problemlösungsfähigkeiten. Doch ihre Intensität macht sie auch anfälliger für Sucht.
Süchte sind keine „Schwäche“, sondern ein Versuch, mit innerer Überlastung umzugehen. Eltern können helfen, indem sie Verständnis zeigen, Warnsignale ernst nehmen und gesunde Wege zur Selbstregulation fördern.
Ruhe ist möglich – auch ohne Glas, Joint oder Bildschirm.

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