-uwägs, das hört sich an wie „spätgebärend“, „spätentwickelt“ und so weiter. Aber ich habe meine Diagnose erst mit 37 Jahren bekommen. Ich habe ADHS, Mischtyp.
ADHS und das Bild nach außen: Wo ist der Leidensdruck?
Es ist für mein Umfeld schwer zu begreifen, denn ich habe nicht gerade den „Vibe“ eines Zappelchens oder falle durch Chaos und Strukturlosigkeit auf.
Ich komme pünktlich, bin gut vorbereitet, beruflich erfolgreich, habe eine glückliche Ehe und ein Leben voller Zufriedenheit.
Wo ist denn da der Leidensdruck? Denn dieser führt uns ja meist erst zu Fachleuten und zur Diagnose. Naja, und auch Neugierde. Ich bin gut in meinem Leben angekommen und habe das Glück, dass ein paar sehr gute Faktoren zusammengekommen sind, damit das möglich wurde.
Mein Verdacht, dass ich mit meinen Klient:innen viel gemeinsam habe, war schon immer da. Und dann ist da ja noch der Weg, den ich gegangen bin – und der sehr klassisch ein Kind mit AD(H)S beschreibt.
Kompensation und Alltagsstrategien
Inzwischen bin ich „gut kompensiert“. Das heißt, ich habe gesunde Strategien gefunden, die einen stabilen Selbstwert erzeugen und mir helfen, mit meinen „Symptomen“ umzugehen.
Auf Arbeit plaudere ich manchmal aus dem Nähkästchen. Dann erzähle ich zum Beispiel, dass ich GPS-Tracker an meinem Handy, Schlüssel und Portemonnaie habe. Klar habe ich dafür Plätze, wo sie „immer“ hinkommen sollen. Aber so oft kommt etwas dazwischen, und dann sind die Dinge nicht da, wo sie sein sollten.
Ich finde es wichtig, ab und zu und im gesunden Rahmen Nahbarkeit und Transparenz zu zeigen. Kinder und Erwachsene brauchen keine makellosen Vorbilder. Wir sind Menschen und kämpfen mit Herausforderungen. Mein Gehirn und die Art, wie es Informationen verarbeitet, fordern mich schon manchmal heraus.

Kindheit und Schule: ADHS früher unerkannt
Wie war das früher?
Vor 30 Jahren gab es kaum eine Vorstellung von ADHS. Meine Zeugnisse ziehen sich vom ersten bis zum letzten Schuljahr durch mit Hinweisen darauf, dass ich verträumt, vergesslich, sorglos mit meinem Material und schlecht im Rechnen, Lesen und Schreiben sei.
Ausgelegt wurde das als „faul“, „sorglos“ und „langsam im Lernen“. Eine Empfehlung für das Gymnasium wurde mir nicht ausgesprochen (ich habe das Fachabitur dann mit Leistungsstipendium nachgeholt – soooo dumm war ich dann also doch nicht).
Meine Lehrerin ließ mich vor der Tafel rechnen, um mich durch Scham zu motivieren, nicht so faul zu sein. Zu Hause gab es viele Tränen und Gebrüll bei den Hausaufgaben, die nie fertig wurden.
In meiner Erinnerung habe ich mir ein Bein ausgerissen, um richtig zu rechnen und zu schreiben. Aber ich habe mich immer (bis heute) verrechnet. Mengen kann ich mir nicht vorstellen, räumlich-abstraktes Denken geht gar nicht (wie zum Teufel sollen lauter Quadrate nebeneinander im Kopf zu einer 3D-Figur zusammengefügt werden?!), und Grammatik ist bis heute nicht meine Stärke. Egal, wie oft ich Dinge „geprüft“ habe – es waren IMMER viele Fehler in allem. Ich hasse das Überprüfen, bis heute. Ein Problem, das ich nur mit externer Hilfe lösen kann.
Ich war weinerlich, unselbstständig, schnell frustriert, ängstlich und hatte insgesamt kaum Selbstvertrauen. Die Schule war ein Ort des Martyriums, der Furcht, Scham und des Versagens. Ich habe sie gehasst, und mein Selbstwert musste sich lange erholen.
Ich war ungeschickt, habe ständig etwas umgeworfen und mich oft gestoßen (das ist teilweise noch so 😅). In Sport hatte ich eine stabile 4 bis 5. Ich konnte keinen Ball fangen, keinen Korb treffen, mit mir wollte man nicht Gummitwist, Federball oder Tischtennis spielen.
Fachliche Einordnung: Symptome aus heutiger Sicht
In Fachsprache waren meine Symptome:
– hohe Ablenkbarkeit
– geringe Konzentration
– Teilleistungsstörungen beim Rechnen, Lesen und Schreiben
– emotionale Regulationsstörung
– geringe Aufmerksamkeitsspanne
– Störung der Tonusregulation und Koordination
Kompetenzen & Superkräfte:
Was ADHS auch bedeuten kann
Die gab es auch – und sie haben am Ende alles wieder gut gemacht. Das, ein paar Schlüsselmenschen und Erfahrungen, die ich machen durfte, Literatur und Weiterentwicklung.
Mein neurodivergentes Gehirn war schlecht im Lernen von Mathe, Deutsch und Physik (auch nur Mathe).
Kreativität als Superkraft bei ADHS
Meine ersten Erfahrungen mit Kreativität
Schon früh habe ich gemerkt: Mein Gehirn ist unglaublich kreativ. Besonders beim Malen und Schreiben konnte ich meine Stärken zeigen – sogar meine Lehrerin musste das anerkennen. In einem Freizeit-Malkurs habe ich zum ersten Mal Menschen getroffen, die mich mochten und wertschätzten. Dort durfte ich meine Fähigkeiten entfalten und wurde immer besser.
Auch das Schreiben habe ich für mich entdeckt. Als Teenagerin besuchte ich einen Schreibkurs, wo ich erneut auf Menschen traf, die mich bestärkten und meine Kreativität förderten. Schreiben wurde so zu einem wichtigen emotionalen Ventil für mich.
Kreativität bei ADHS: Mehr als nur Malen und Basteln
Kreativität bei ADHS ist vielfältig und muss nicht immer mit klassischen Künsten wie Malen oder Basteln zu tun haben. Sie kann sich auch beim Erzählen von Witzen und Geschichten, beim Erfinden von Bauwerken oder beim Entwickeln von Spielideen zeigen. Später im Leben äußert sich Kreativität vielleicht in flexiblen Arbeitsansätzen, im individuellen Kleidungsstil oder in der Gestaltung des eigenen Lebensraums.
Wichtig: Kreativer Ausdruck ist ein natürlicher Teil eines schnell arbeitenden, bunten Gehirns und sollte im Leben von Menschen mit ADHS unbedingt Platz haben!
Mein Weg: Fachabitur in Kunst und Design
Mein Fachabitur habe ich an der Best Sabel Privatschule im Bereich Kunst und Design gemacht. Dort durfte ich erfahren, wie viel Spaß Lernen machen kann, wenn man seine Stärken einbringen darf. Diese Erfahrung verdanke ich meinen Eltern, die mir den Besuch dieser kostenintensiven Schule ermöglicht haben.
Die Vorteile von ADHS: Empathie, Kommunikation und Hyperfokus
Mit zunehmendem Alter habe ich gelernt, die Vorteile meiner besonderen Reizverarbeitung zu nutzen. Ich bin sehr empathisch, nehme kleinste Stimmungsänderungen wahr und habe ein ausgeprägtes Kommunikationstalent. Das hilft mir nicht nur im Beruf, sondern auch dabei, tiefe und erfüllende Beziehungen einzugehen.
Ein weiteres Geschenk von ADHS ist der sogenannte Hyperfokus: Wenn mich ein Thema interessiert, kann ich mich stundenlang darin vertiefen, schnell Wissen aufnehmen und anwenden. Meine Energie scheint dann fast grenzenlos – zumindest in meinen Interessensgebieten.
Reizoffenheit: Die Schönheit der Welt wahrnehmen
Meine Reizoffenheit ermöglicht es mir, die Schönheit der Natur besonders intensiv wahrzunehmen. Ich habe mein Leben so gestaltet, dass ich möglichst viel Zugang zu dieser Ressource habe und Reizüberflutung vermeide.
Warum die ADHS-Diagnose mein Leben bereichert hat
Die Diagnose ADHS war für mich wie eine Betriebsanleitung für mich selbst und meine Mitmenschen. Sie hat mir geholfen, alte Wunden zu heilen – zum Beispiel das Gefühl, „nicht gesehen“ zu werden. Ich war nie dumm oder langsam; ich brauchte einfach andere Lernstrategien, wie visuelle und haptische Methoden.
Heute kommuniziere ich besser mit mir selbst und meinen Bezugspersonen. Ich finde immer neue Wege, um meinen Alltag zu erleichtern und bin milder zu mir selbst. Kleine Missgeschicke nehme ich mit mehr Humor, und auch mein Umfeld versteht mich besser. Die Diagnose hat mein Leben bereichert und mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen.
Mein Weg zur Diagnose: Selbstzahlerin und Fachpsychiaterin
Ich habe mich als Selbstzahlerin an eine spezialisierte Fachpsychiaterin gewandt.
Warum? Wegen der sehr angespannten Situation im Bereich Diagnostik und Therapie und Wartelisten die schon seit Monaten geschlossen sind.
Ich verglich verschiedene Selbstzahlerangebote:
Denn diese unterscheiden sich je nach Umfang und Kosten.
Die Diagnostik umfasst in aller Regel Fragebögen, Fremdanamnese und Gespräche. Wichtig ist dabei auch das Abklären von Komorbiditäten wie Depressionen oder Angststörungen.
Diagnostik – Abklären von Komorbidität
Komorbidität, also „Miterkrankungen“ oder Erkrankungen, die ähnliche Symptome haben, aber eine andere Ursache.
Undiagnostiziertes und schlecht integriertes ADHS kann Depressionen, Sucht und Angststörungen verursachen. Außerdem gibt es eine enge Verwandtschaft und Symptomüberschneidung zu anderen Neurodivergenzen wie dem autistischen Spektrum.
Die Frage ist: War ich schon vergesslich, verträumt, unkoordiniert usw., bevor ich Depressionen und Ängste entwickelte – oder bekam ich Ängste und Depressionen, weil ich ADHS hatte und keine Hilfe?
Für mich war die Antwort klar – und für die Ärztin auch.
Diagnosen stärken: Mehr Verständnis und Selbstakzeptanz
Diagnostik ist ein wichtiger Schlüssel zum Selbstverständnis, zur eigenen Betriebsanleitung. Wenn wir uns verstehen, können wir verständnisvoll und liebevoll mit uns umgehen. Wir können besser kommunizieren und gesunde Strategien entwickeln für das, was nicht so klappt.
Ohne Diagnose versuchen Erwachsene (und später wir selbst) oft nur, uns in ein System zu pressen und zu funktionieren. Leistung zu bringen. Und wenn wir das dann sogar schaffen sollten, werden wir krank und unglücklich – und landen schlussendlich doch wieder in Depression, Angst, Sucht usw.
Fazit:
ADHS ist mehr als eine Diagnose – es ist ein Teil meiner Identität, der mich herausfordert, aber auch bereichert. Ich lade dich ein, deine Erfahrungen zu teilen und den Weg zu mehr Selbstakzeptanz mitzugehen. ❤
Lass uns unsere Neurodivergenz feiern!
Das möchte ich privat und beruflich erreichen. Ich will Erziehende stärken, Pädagog:innen und andere Fachpersonen unterstützen und mit neurodiversen Kindern und Erwachsenen die Schönheit und Kompetenz in ihrer Einzigartigkeit entdecken.
Hilfst du mir dabei? Gib mir dein Kommentar und schau doch mal wieder rein. ❤


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