Menschen mit einem neurodiversen Gehirn erleben Emotionen oft stärker, schneller und unvorhersehbarer. Während neurotypische Personen meist eine stabile Gefühlslinie beschreiben, gleicht das emotionale Erleben bei ADHS oder Autismus eher einer Achterbahnfahrt.
Diese Unterschiede sind kein Zeichen für Krankheit, sondern Ausdruck einer anderen neurologischen Funktionsweise. Typische Merkmale sind:
- schnelle, plötzliche Stimmungswechsel
- intensive Freude und Begeisterung
- tiefe Täler von Traurigkeit oder Erschöpfung
- geringe Vorhersagbarkeit der eigenen Gefühlslage
Persönliche Erfahrung: „Ich wäre so gerne ich“
Schon als Kind wurde mir bewusst, wie unterschiedlich meine Mutter und ich Emotionen wahrnehmen. Sie zeigte mir eine gerade Linie in der Luft: „So bin ich.“ Dann zeichnete sie eine wilde Zickzack-Linie: „Und so bist du.“
Dieses Bild begleitet mich bis heute. Während sie ausgeglichen bleibt, erlebe ich extreme Höhen und Tiefen – unabhängig von äußeren Umständen. Trotz gesunder Routinen, Bewegung, erfüllendem Beruf und stabilen sozialen Kontakten bleibt die emotionale Achterbahn Teil meines Lebens.

Emotionales Management bei ADHS und Neurodiversität
Viele Betroffene fragen sich: Wie kann ich mit diesen starken Gefühlen umgehen? – Die Antwort liegt nicht in Kontrolle, sondern in Akzeptanz und Strategien.
1. Akzeptanz statt Selbstkritik
Gefühle sind keine Schwäche. Sie sind ein Teil der neurodiversen Identität. Wer sie annimmt, statt sie zu bekämpfen, lebt authentischer.
2. Routinen und Selbstfürsorge
Feste Schlafenszeiten, gesunde Ernährung, Bewegung und kleine Rituale geben dem Gehirn Struktur und wirken stabilisierend.
3. Co-Regulation durch andere
Manchmal braucht es Menschen, die zuhören, spiegeln und helfen, Emotionen einzuordnen. Dieses Prinzip der Co-Regulation ist essenziell. Mehr dazu findest du unter Co-Regulation in der Partnerschaft oder Co-Regulation beim Kind.
4. Reizmanagement
Überstimulation verstärkt emotionale Schwankungen. Digitale Pausen, ruhige Umgebungen oder bewusste Auszeiten helfen, die Intensität abzufedern.
5. Kreative Ausdrucksformen
Schreiben, Musik, Kunst oder Bewegung sind Ventile, um Gefühle zu transformieren und ihnen einen konstruktiven Kanal zu geben.
Zwischen Geschenk und Herausforderung
Ein neurodiverses Gehirn bringt nicht nur Belastungen, sondern auch Stärken: Empathie, Kreativität, Begeisterungsfähigkeit und Lebendigkeit. Emotionales Management bedeutet nicht, die Zickzack-Linie in eine gerade Linie zu verwandeln, sondern die Achterbahn so zu gestalten, dass sie bereichernd statt zerstörerisch wirkt.
Fazit: Emotionales Management als Schlüssel zur Selbstannahme
„Ich wäre so gerne ich“ – dieser Satz beschreibt den Kern des Themas. Doch manchmal kann ich mein Potenzial nicht nutzen, weil es unter einer schweren Wolke steckt, die erst weggeht, wenn sie weggeht. Solange habe ich als erwachsene Person mit Neurodiversität die Verantwortung, gut für mich zu sorgen: meine Routinen trotz der Schwere aufrechtzuerhalten oder – wenn sie nicht mehr gut tun – auf Notfallkoffer-Routinen zurückzugreifen.
Das Schwerste in diesen Phasen ist für mich, dass mein Partner mich aushalten muss. Ich fürchte dann, eine zu große und zu lange Belastung zu sein. Diese Sorge drückt mich, obwohl mir seit 18 Jahren bewiesen wird, dass ich nicht „zu viel“ bin. Gleichzeitig habe ich gelernt, aktiv und wenn nötig mehrfach am Tag zu meinem Partner zu gehen und zu sagen: „Ich bin so traurig, kannst du mich in den Arm nehmen?“
Inzwischen weiß er, dass diese Phasen vorübergehen und wie meine Emotionen und mein Gehirn funktionieren. Er ist nicht mehr in der Sorge, dass ich ernstlich krank sein könnte oder etwas „Verstecktes“ in meiner Psyche lauert, das bearbeitet werden muss. Natürlich kann es manchmal sein, dass langanhaltende Phasen auf ein tieferes Problem hinweisen – dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Doch heute weiß ich, was meine Gehirn-Achterbahn ist und was ein Hinweis auf ein äußeres oder inneres Problem sein könnte.
Dass ich meinen Partner auf diese Reise des Verstehens mitgenommen habe, entlastet uns beide. Es macht deutlich: Emotionales Management bei Neurodiversität ist kein einsamer Weg, sondern ein gemeinsamer Prozess, der durch Verständnis, Routinen und Akzeptanz getragen wird.


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