Autismus erkennen und verstehen – ein kleiner Leitfaden

Was denkst du über Menschen im autistischen Spektrum (Abkürzung = ASS)?
Unser Bild wurde von Filmen und Büchern über weiße, hochbegabte Männer geprägt, die unhöflich, direkt, introvertiert, gefühlskalt und inselbegabt waren.

Aber auch die coole DJane im Club, der Artist in der Manege, die Barkeeperin, der Lehrer oder die engagierte, freundliche Teamleiterin können Menschen im Spektrum sein. Autismus ist – wie ADHS und jede Neurodivergenz – unsichtbar, und wir haben oft stigmatisierende und sehr enge Ideen über Autismus, welche allzu oft ihren Ursprung in einer wissenschaftlichen Welt von privilegierten männlichen Forschenden mit  misogyn Ansichten waren.

Das macht es schwer, sich selbst oder sein Kind im Spektrum zu erkennen, denn immer noch machen wir die Diagnose abhängig davon, wie kommunikativ, gesellig, sozial „funktional“ jemand ist. Wie sehr er von außen „behindert“ wirkt. Ob der Mensch Blickkontakt halten kann.

Kleiner Blick in die Vergangenheit:
Der Namensgeber des sogenannten Asperger-Syndroms, Hans Asperger, hat zwar die frühe Forschung im Bereich Autismus vorangetrieben, zugleich jedoch aktiv dazu beigetragen, dass Menschen mit Behinderungen nach ihrer vermeintlichen Nützlichkeit für die Gesellschaft bewertet und selektiert wurden.
Während der NS-Zeit unterschied er zwischen autistischen Jungen, die er als „hochbegabt“ und „nützlich“ einstufte, und jenen, die er als „nicht bildungsfähig“ oder „nicht anpassungsfähig“ bezeichnete.
Die einen wurden gefördert – die anderen überstellte er in Einrichtungen wie den „Spiegelgrund“, wo viele von ihnen den nationalsozialistischen Euthanasieprogrammen zum Opfer fielen.

Masking – Wenn Autismus unsichtbar wird

Autismus ist oft maskiert. Das bedeutet, dass Betroffene sich unbewusst als Überlebensstrategie an gefühlte Verhaltensnormen neurotypischer (also nicht neurodivergenter) Menschen anpassen.

Wenn du einordnen willst, ob du selbst oder dein Kind zum ASS gehört, dann ist es wichtig vorab zu wissen, dass die folgenden Beispiele auftreten können, aber nicht müssen. Manchmal kommt es quasi auf die „Tagesform“ an, ob bestimmte Bereiche/Tätigkeiten problematisch sind oder nicht oder der Betroffene maskiert seine Probleme, um nicht abgelehnt und diskriminiert zu werden, und bricht dann heimlich oder nur im sicheren Umfeld (zu Hause, bei besten Freund:innen, Eltern) zusammen, wenn die Situation vorbei ist.

Soziale Rollen üben – ein typisches Verhalten bei Autismus

Als Kinder üben sie repetitiv (immer wieder gleich oder mit wenig Abwandlung) im Rollenspiel soziale Muster und Verhaltensweisen. Dafür nutzen sie Figuren oder Puppen.
Spielen sie mit anderen, dann weisen sie meist die Rollen ganz genau zu und diktieren, was jeder wann tun muss. Sie kontrollieren dabei das Spiel, was neurotypische Menschen oft bevormundend oder bestimmend finden. Das tun autistische Kinder aber nicht, weil sie kleine Diktatoren sind, sondern weil es Sicherheit gibt.

Als Erwachsene zeigt sich das Verhalten, in dem alles, was gesagt und getan wird, überanalysiert und „zerdacht“ wird.

Verbale und nonverbale Kommunikation ist vielleicht nicht spontan und ungehemmt und wird nicht im Kontext genutzt. Sie kostet den Menschen mit Autismus vielleicht unsichtbar viel Mühe und Kraft.

Weil nicht gut zwischen Wichtig und Unwichtig unterschieden werden kann, wird viel Wert auf Einzelheiten im sozialen Umgang gelegt. Kleine Worte können schlaflose Nächte auslösen.

Es entstehen vielleicht lange Gesprächspausen, weil sehr gründlich über Antworten nachgedacht wird. Dadurch sind Gespräche nicht flüssig.

❤️Tipp:

Sei ein geduldiger Gesprächspartner. Frage nach, wenn du etwas nicht verstehst. Fühle dich nicht gekränkt, weil deine Signale nicht verstanden und wie von dir gewünscht beantwortet werden.

Spiele mit deinem Kind die Rollenspiele und lass es „Dirigent“ sein. Werte seinen Wunsch nach diesen spielerischen Übungen und seinen Sicherheits- und Kontrollbedürfnis nicht ab mit Sätze wie: „Wenn du immer bestimmst/kommandierst, will keiner mit dir spielen.“

Repetitives Verhalten – Wiederholungen als Sicherheit

Sich wiederholende Muster treten in verschiedenen Bereichen auf:

  • Es werden vielleicht oft Dinge geordnet und sortiert. Oder Handlungen immer wieder vollzogen, so dass es wie ein Zwang auf Außenstehende wirkt.
  • Stimming: kleine, auch geheime und unbemerkte Berührungen zur Nervenregulation werden immer wieder durchgeführt und können als Tics missinterpretiert werden. Dazu gehört: Nesteln, Zwinkern, Schnalzen, Zehen/Finger ballen, Knie wippen und so weiter. Viele Stimming-Momente passieren so unterbewusst und versteckt, dass sie vielleicht vom Betroffenen und auch nicht vom Umfeld wahrgenommen werden.
  • Spezialinteressen: Das sind Themen, die große Leidenschaft bei der Person entfachen. In diesem Themenbereich wird mit Hyperfokus (= Zustand großer Konzentration, mit viel Ausdauer und Energie, indem oft alles andere ausgeblendet wird) Wissen zu einem Bereich konsumiert und schnell Expertentum erreicht. Manchmal sind es Themen, die andere als nützlich empfinden und aus denen beruflicher Erfolg generiert werden kann (pädagogisches Fachwissen, Psychologie, Kunst, Kultur, Politik…) und manchmal sind es Bereiche, die andere skurril und unnütz finden (Automarke, Motoren, Briefmarken, Papiersorten, Windräder, Ameisen…). Die Themen können wechseln oder ein Leben lang erhalten bleiben.

❤️Tipp:

Zeige Interesse und Wertschätzung für die Spezialinteressen deines Kindes oder Partner:in, fördere sie und nimm Anteil. Werte und beurteile nicht in Nützlich/Unnütz. Sie sind Identitätsbildend und Glücksbringend und dadurch sehr, sehr wertvoll.

Reizempfindlichkeit – Wenn die Welt zu laut oder zu leise ist

Reiz-Suchende (Sensory Seeker)

Das Körperempfinden von Autist:innen ist oft nicht gut. Ein weniger auffälliger Weg damit umzugehen ist oft das Suchen von starken Reizen. Viel Sport, auch Profi- und Extremsport, sehr würziges, scharfes Essen oder große Mengen, starke Gerüche, Vorlieben für schnelle Bewegung, Achterbahnen, Horrorfilme, Thriller, laute Musik, Sex usw. können Ausdruck von dem Wunsch sein, sich zu spüren und mit einer Reizüberforderung zurechtzukommen.

Diese Menschen sind oft extrovertierter und haben in manchen Bereichen hohe soziale Fähigkeiten, weshalb ihr Autismus oft verkannt oder abgesprochen wird. „Du kannst doch Vorträge halten und in lauten Räumen sein, dann kannst du nicht Autist:in sein.“

❤️Tipp:

Diese Reizsuche kann manchmal selbstgefährdend und ungesund sein. Zum Beispiel wenn sie in Sucht- oder hohen Risikoverhalten umschlägt. Suche Wege, wie du gesund dein Reizbedürfnis, oder das deines Kindes befriedigen kannst.

Reiz-Meidende (Sensory Avoidance)

Essen: Aus dem gleichen Grund – eine starke Reizoffenheit – meiden viele Autist:innen Reize. Besonders dramatisch kann das beim Essen werden. Essen als Textur, visueller Reiz, Geschmack und Geruch wird so stark wahrgenommen, dass es nicht ausgehalten werden kann und nur bestimmte Lebensmittel „Safe Food“ sind. Diese werden wie bei einer Esstörung ausschließlich gegessen. Manchmal über Jahre, manchmal mit gelegentlichen Abweichungen oder das, was als „Safe Food“ empfunden wird, wechselt in Intervallen.

Kleidung: Die taktilen Reize auf der Haut werden so empfindlich verarbeitet, dass Bündchen, Knöpfe, bestimmte Stofftexturen und so weiter nicht ertragen werden. Viele Autist:innen haben auch „Safe Clothes“ und tragen immer die selbe Art Kleidung.

Körperpflege: Sensorische Empfindlichkeiten wie Haare kämmen, Zöpfe flechten, Haare waschen, Wasser von oben, Zähne putzen, eincremen, mit Sand/Knete/Matsch spielen können schwierig sein. Manchmal betrifft es alle Bereiche, manchmal nur eine Sache, die nicht ausgehalten werden kann.

Soziale Kontakte: Aufgrund der oft vorhandenen Schwierigkeiten in der Kommunikation und in der Reizverarbeitung wird sich häufig sozial zurückgezogen, Menschen insgesamt gemieden oder Orte und Gelegenheiten, bei denen viele Menschen sind (Kino, Weihnachtsmarkt, Geburtstage, Klassenräume, Großraumbüros).

❤️Tipp:

Finde Lösungen auf Augenhöhe. Dein Kind erträgt Zähneputzen nicht? Erkläre, warum es wichtig ist. Findet zusammen heraus, was funktioniert. Was ist das Problem? Ist eine E-Zahnbürste zu laut, die Borsten zu hart, die Feinmotorik zu anstrengend? Funktioniert es im sitzen/liegen besser, oder unter Ablenkung beim Fernsehen/Tablett gucken/Hörbuch hören? Ist es okay, wenn Mama/Papa für das Kind putzen?

Sollen die Haare abgeschnitten werden, immer im Zopf getragen, nur einmal die Woche gekämmt werden?

Kommunikation und Sprache – Vielfalt statt Einheitsbild

Kommunikation: Die Sprachentwicklung ist bei einem großen Teil der Autist:innen auffällig.

Sprachkünstler:innen:
Die einen sprechen sehr früh und beeindrucken durch eine intelligente, hochkomplexe Sprache. Sie werden häufig auf Hochintelligenz getestet. Ihre hohen verbalen Fähigkeiten maskieren oft ihre Schwierigkeiten. Sie wirken für eine ASS-Diagnostik oft nicht genug „behindert“.

Nonverbale Autist:innen:
Nonverbale Autist:innen nutzen keine gesprochene Sprache und benötigen nonverbale Kommunikationsmethoden, z. B. über moderne Technik. Ein Teil von ihnen hat vielleicht im Kindesalter aktiv gesprochen und später damit aufgehört (Mutismus).

Sprachverzögerung und Hemmung:
Kinder lernen deutlich später sprechen oder sprechen sehr lange nur in 1–3-Wortsätzen. Oder sie sind so „schüchtern“, dass sie nur im Safe Space sprechen – also zu Hause, gegenüber engen, vertrauten Wohlfühlpersonen. Es kann sein, dass sie später schnell verstummen, wenn sie überfordert sind. In Gruppen eher passiv zuhören oder dann über das Ziel hinausschießen, wenn sie sich dann doch äußern.

Auffälliger Sprachstil:
Manchmal ist die Stimme sehr monoton/roboterhaft, langsam und verzögert oder schnell und sprunghaft.

❤️Tipp:

Respektiere das unterschiedliche Kommunikationsbedürfnis/-vermögen. Gib Pausen, wenn der Mensch nicht sprechen kann oder mag, nutze andere Wege des Ausdrucks, wenn diese bevorzugt werden.

Emotionales Erleben & Verhalten

Gerechtigkeitssinn

Menschen mit ASS haben oft einen hohen Gerechtigkeitssinn. Sind Regeln aufgestellt, erkennen sie sofort, wenn sich jemand nicht daran hält. Ausnahmen oder an die jeweilige Situation angepasste Grenzen/Regeln können nicht gut eingeordnet werden. Alles, was unlogisch ist, kann nicht angenommen und ausgehalten werden.

Meltdown/Shutdown

Beiden geht ein „Overload“, also eine Überreizung, voraus. Ein Meltdown ist wie eine Kernschmelze: Durch eine zu lange Belastung/Überreizung bricht sich die Überforderung eruptiv und laut Bahn. Die Menschen explodieren, weinen, schreien, schlagen um sich, verletzen sich und/oder andere.
Der Shutdown ist das stille Gegenstück oder er folgt manchmal dem Meltdown (die tiefe Erschöpfung und Reizabschottung nach der Kernschmelze). Betroffene werden plötzlich still, sowohl verbal als auch nonverbal. Sie sind nicht mehr in der Lage, sich sprachlich zu äußern, Blickkontakt zu halten und wirken, als hätte man den Energiestecker gezogen.

❤️Tipp:

Reduziere sofort Reize und Anforderungen. Schaffe einen sicheren, abgeschirmten Schutz- und Ruheort. Sei bei deinem Kind/Patnerperson. Fasse nur an, wenn es gewünscht ist. Spreche nur, wenn der richtige Zeitpunkt da ist. Es ist oft genug, nur ruhig dabei zu sein, damit die Person im Meltdown sich sicher und geliebt fühlt. Möchte der Mensch allein sein: respektiere dies. Moralisiere das Verhalten nicht und im Optimalfall: Prävention durch eine gute Reizanpassung im Alltag, damit Overloads nicht passieren müssen. Vor allem im Kindergarten und der Schule benötigt es Ruheräume, Hilfen zur Reizausblendung und Verständnis.

Wahrnehmung: Detail vor Gesamtbild

Autist:innen verarbeiten Reize im Gehirn anders. Sie nehmen Reize gleichwertiger wahr und das Gehirn sortiert nicht so gut in „wichtig“ und „unwichtig“ vor. Die Reize sind quasi „gleichlaut“. Das ist sehr anstrengend, bedeutet aber auch, dass oft sehr gut Details aus dem Großen Ganzen isoliert werden können. Dadurch werden häufig Fehler im System/Muster gefunden, im Chaos das Gesuchte entdeckt und spezielle Merkmale, die anderen entgehen, gesehen.

Prosopagnosie – Gesichtsblindheit

Prosopagnosie ist die Gesichtsblindheit, die gehäuft bei Autismus vorkommt. Auch hier wird ein Gesicht nicht als Gesamtbild gesehen und erkannt, sondern Personen werden eher an ihrer Stimme, ihrem Gangbild, Gesten, Kleidungsstil, Tattoos usw. zugeordnet.

❤️Tipp:

Schäme dich nicht. Verständnis durch Transparent: gehe offen mit deiner Herausforderung um und bitte Menschen um Identifizierungshilfen, wenn es dir schwer fällt. Andere sind dankbar, wenn sie erfahren, dass sie dir nicht egal sind und du sie deswegen nicht erkennst und wenn sie wissen, wie sie reagieren können.

Blickkontakt und Reizentlastung

Manchmal fällt es den Betroffenen schwer, Blickkontakt aufzunehmen (wieder anderen bereitet dies kaum oder keine Probleme). Das liegt wieder an der Detailwahrnehmung. Unsere Mimik ist voller sich ständig verändernder Mikroexpressionen, in denen neurotypische Menschen nur das Gesamtbild mitbekommen. Autist:innen kann die Menge an erstmal zusammenhangslos auf sie einprasselnden Informationen überfordern.

❤️Tipp:

Erzwinge nie Blickkontakt, weil es gesellschaftlich erwünscht ist, und wenn du merkst, dass dieser schwer fällt. Fördere den Wunsch nach Reizentlastung, indem du bei Gesprächen mit dem Betroffenen in die gleiche Richtung blickst.

Ich frage bei Übungen in der Therapie immer: „Tut es dir gut, wenn ich neben, hinter oder vor dir sitze?“

Analytischer Verstand und logisches Denken

Autist:innen denken logisch und analytisch. Ihre Gedanken und Meinungen sind weniger durch den emotionalen Kontext bestimmt, sondern auf der Sach- und Problemebene. Das führt bei den mehrheitlich auf der Beziehungsebene kommunizierenden Menschen oft zu Missverständnissen und Problemen.

Auch wird deswegen versteckte Kommunikation oft nicht erkannt. Bestimmte Arten des Humors (Ironie, Sarkasmus, Zynismus), Sprichwörter oder Gleichnisse sind unklar. Oder alles wird sehr genau genommen (Anweisungen wie: „eine Prise Zucker“ oder „5 Minuten Training 2x täglich“).

❤️Tipp:

Benenne deine Fähigkeit im Beruf und im sozialen Umfeld als Stärke, denn das ist sie! Entlaste dich, indem du dich transparent machst und einräumst, dass dir Kommunikation auf der Sachebene leichter fällt und du Konflikte/Probleme deswegen von einen anderen, wertvollen Standpunkt sehen kannst. Das hilft anderen, ihre Erwartungshaltung anzupassen.

Körperkontakt und Nähe

Durch die veränderte Reizempfindlichkeit ist Körperkontakt oft ein Problem (wieder: nicht immer). Eventuell lehnt dein Kind/Partner:in Körperkontakt eher ab, wenn dieser nicht genau gesteuert werden kann oder er funktioniert nur unter bestimmten Umständen (mit Absprache, auf eine bestimmte Art und Weise, nur von hinten, sehr feste Umarmungen).

Manchmal ist Körperkontakt bei „sicheren“ Personen okay und „normal“ (Eltern, engen Freunden…), aber Babys und Kinder fremdeln sehr stark oder man kann anderen nicht die Hand geben oder sich zur Begrüßung umarmen.

Die berühmte Tierwissenschaftlerin und Autistin Temple Grandin hat sich eine „Drück“-Maschine gebaut, um ihr Bedürfnis nach Berührung zu befriedigen. Oft genug ertragen maskierte Autist:innen auch die ganzen sozialen Berührungen, wie das Hände geben und Umarmen, weil sie nicht unangenehm auffallen wollen.

❤️Tipp:

Menschen, die dir etwas wert sind, mögen dich nicht weniger, wenn du ein anderes Nähe-Distanz-Bedürfnis hast. Es entspannt beide Seiten, wenn du auch hier transparent bist und eine „Gebrauchsanleitung“ formuliertst. Zum Beispiel: Manchmal mag ich es umarmt zu werden zur Begrüßung. Es hilft mir, wenn du mich vorher kurz fragst. Oder: Ich mag Umarmungen und Hände geben gar nicht, bitte sieh es mir nach, wenn ich zur Begrüßung lieber winke/nicke/Hallo sage.

Selbst-Checkliste: Könnte ich autistisch sein? Selbsterkenntnis als erster Schritt zur Selbstaktzeptanz

Hier sind ein paar Fragen für dich, mit denen du dich etwas mehr einordnen kannst. Dies setzt natürlich keine Diagnostik. aber falls du zu den autistischen Personenkreis gehörst, die sehr gut maskieren können und von der Stereotypen Vorstellung eine autistischen Person abweist, ist eine Diagnostik  manchmal auch schwierig. Falls du sie anstrebst, hilft es schon, selber klar benennen zu können, was dir selbst auffällt. Eine Diagnostik hat den Vorteil, dass sie das tiefgreifende Verständnis über dich selber fördert und du gezielt Wissen anhäufen kannst, um deine Masken abzunehmen und deine Einzigartigkeit besser unglücklicher zu leben.

1. Soziale Wahrnehmung und Kommunikation

  • Ich habe Schwierigkeiten, nonverbale Signale (Blickkontakt, Mimik, Gestik) richtig zu deuten.
  • Ich wirke in Gruppen manchmal „anders“, ohne genau zu verstehen, warum.
  • Smalltalk fällt mir schwer oder erscheint mir sinnlos.
  • Ich spreche lieber über Themen, die mich wirklich interessieren, und verliere mich dabei in Details.
  • Ich brauche nach sozialen Kontakten lange Erholungszeit (introvertiert).
  • Ich suche aktiv Kontakt, habe aber häufig Missverständnisse (extrovertiert).
  • Ich bin mir oft unsicher, wie sich andere gerade fühlen und versuche alle Signale richtig zu deuten.
  • Ich kann mir Gesichter nicht merken, was mich oft in peinliche Situationen bringt.
  • Meinen Gegenüber direkt ins das Gesicht zu sehen empfinde ich als unangenehm und kann mich dann nicht gut konzentrieren.
  • Manchmal kann/will ich nicht mehr sprechen und bin „wie in mir gefangen“.
  • Ich habe spät sprechen gelernt oder Phasenweise nicht mehr gesprochen.
  • Ich habe als Kind eher eine Fremdsprache gelernt, als meine Muttersprache.

2. Maskierung (Camouflaging)

  • Ich beobachte andere, um zu lernen, wie man sich „normal“ verhält.
  • Ich spiele in Gesellschaft eine Rolle, um dazuzugehören.
  • Ich achte ständig darauf, wie ich wirke, um nicht aufzufallen.
  • Ich bin nach sozialen Situationen erschöpft, weil ich mich stark angepasst habe.
  • Ich habe das Gefühl, dass andere mein „wahres Ich“ kaum kennen.
  • Als Kind habe ich endlos Rollenspiele gespielt, oft immer wieder die gleichen Situationen.

3. Reizverarbeitung und Wahrnehmung

  • Geräusche, Licht, Gerüche oder Berührungen können mich schnell überfordern.
  • Ich bemerke Details, die anderen entgehen.
  • Ich habe Routinen oder Rituale, die mir Sicherheit geben.
  • Ich reagiere stark auf Veränderungen oder unerwartete Ereignisse.
  • Ich brauche Rückzug, wenn zu viele Reize gleichzeitig auftreten.
  • Neue Orte machen mich nervös.
  • Als Kind habe ich nicht gern woanders übernachtet.
  • Unübersichtliche, volle Orte machen mir Angst/ erschöpfen mich sehr.

4. Interessen und Denkweise

  • Ich habe sehr intensive Spezialinteressen.
  • Wenn ich mich mit meinen Lieblingsthemen beschäftige, versinke ich vollkommen darin. Manchmal bin ich nicht mehr ansprechbar, bekomme Hunger/Durst/Harndrang nicht mehr mit.
  • Ich denke in Mustern, Systemen oder logischen Strukturen.
  • Ich nehme Dinge oft wörtlich und erkenne Ironie schwer.
  • Ich analysiere soziale Situationen nachträglich, um sie zu verstehen.
  • Ich habe ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und klare Prinzipien.

5. Emotionen und Selbstwahrnehmung

  • Ich spüre Emotionen stark, habe aber Mühe, sie zu zeigen.
  • Ich wirke ruhig, obwohl innerlich viel passiert (introvertiert).
  • Ich zeige Emotionen stark und werde manchmal als „zu intensiv“ wahrgenommen (extrovertiert).
  • Ich fühle mich oft „anders“ oder „nicht ganz dazugehörig“.(Aliengefühl)
  • Ich habe Schwierigkeiten, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen oder mitzuteilen.

6. Energie und Erholung

  • Ich brauche regelmäßig Zeit allein, um mich zu regenerieren.
  • Ich kann in sozialen Situationen „funktionieren“, bin danach aber erschöpft.
  • Ich habe Strategien entwickelt, um Überforderung zu vermeiden (z. B. Rückzug, feste Routinen).
  • Ich fühle mich in strukturierten Umgebungen sicherer als in spontanen.

Auswertung

Wenn du dich in vielen Punkten wiederfindest, insbesondere bei Maskierung und sozialer Erschöpfung, kann es sinnvoll sein, dich mit dem Thema Autismus-Spektrum näher zu befassen oder eine autismuskompetente Diagnostik in Betracht zu ziehen.

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