Was ist PDA?
PDA wird offiziell mit Pathological Demand Avoidance übersetzt – also dem Drang, Anforderungen zu vermeiden. Dabei sind „Anforderungen“ nicht nur äußere Anweisungen, sondern alles, was ein Mensch nicht vollständig willentlich und aus eigenem Antrieb tut – auch Gefühle, körperliche Bedürfnisse oder soziale Erwartungen.
Diese Übersetzung betont das sichtbare Verhalten – die Vermeidung. Doch viele Betroffene, insbesondere Frauen, zeigen „stille“ Formen des PDA, die nach außen kaum auffallen. Daher wird diese Bezeichnung von vielen als irreführend oder diskriminierend empfunden.
Eine alternative, zunehmend anerkannte Übersetzung lautet Pervasive Drive for Autonomy – also umfassender Drang nach Autonomie. Diese Bezeichnung beschreibt das innere Erleben besser: ein dauerhaft überaktives autonomes Nervensystem, das selbst alltägliche Routinen (z. B. Zähneputzen, Essen, Schlafen) als Bedrohung wahrnimmt.
PDA als Teil der Neurodiversität
Was PDA genau ist, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Die derzeit verbreitetste Theorie sieht PDA als Subtyp des Autismus-Spektrums – also als eigenständige Form der Neurodivergenz mit engen Bezügen zu Autismus.
Zudem zeigen Studien Überschneidungen mit ADHS, AuDHS (ADHS + ASS), Hochsensibilität, Ängstlichkeit und Hochintelligenz. PDA lässt sich daher am besten als neurodivergentes Profil mit individuellen Merkmalen verstehen, das sich mit anderen neurodiversen Ausprägungen überschneidet – im Sinne des Neurodiversitätsparadigmas.
PDA in Deutschland: Kaum bekannt, selten erkannt
Während im englischsprachigen Raum PDA zunehmend erforscht und diagnostiziert wird, ist das Thema in Deutschland noch weitgehend unbekannt.
Gründe dafür sind:
- Mangelnde wissenschaftliche Studien und Testverfahren
- Fragebögen, die das innere Erleben kaum erfassen
- Fehlende Sensibilität für „leisere“ (internalisierte, also innerliche) Anzeichen & Symptome
- Gender- und Rassismus-Bias in Diagnostik und Wahrnehmung
Menschen mit PDA erhalten daher häufig keine offizielle Diagnose. Der Weg zu professioneller Unterstützung führt oft über Überschneidungen mit ADHS, ASS oder AuDHS.

Woran erkennt man PDA?
PDA zeigt sich sehr unterschiedlich – abhängig von Tagesform, Umgebung, Stresslevel und individueller Sensibilität. Selbst positive oder selbstgewählte Aktivitäten können zu Überforderung führen.
Mögliche externalisierte Symptome (nach außen sichtbar)
- Verweigerung und Widerstand
- Schreien, Weinen, Weglaufen
- Zerstören von Gegenständen
- Selbstverletzung oder körperliche Gegenwehr
- Verhandeln oder logisches Diskutieren („Ich darf den Film nicht sehen, der ist ab 12.“)
- Rollenspiel („Ich bin eine Katze, ich kann nicht schlafen gehen.“)
- Plötzliche Angstreaktionen
- Meltdown, Shutdown oder Freeze
Mögliche internalisierte Symptome (nach innen gerichtet)
- Extremes Trödeln
- Masking (Verbergen echter Gefühle und Bedürfnisse)
- Hoher Perfektionismus
- Übermäßiges Befolgen eigener Regeln
- Unterdrückung körperlicher Bedürfnisse (Essen, Schlafen, WC)
- Selbstsabotage oder gewolltes Versagen
- Fawning (Selbstaufgabe, um Erwartungen zu erfüllen)
- Verstummen, Rückzug oder Fantasiesprache
- Versteckte Meltdowns oder Freeze-Zustände
Was sind „Anforderungen“ bei PDA?
Anforderungen sind alles, was das Nervensystem als Druck oder Fremdbestimmung erlebt. Das kann sehr unterschiedlich sein:
Offensichtliche Anforderungen:
- Aufforderungen („Räum dein Zimmer auf.“)
- Befehle („Lass das sofort!“)
- Termine und Routinen
- Alltägliches „Müssen“ (Essen, Waschen, Anziehen)
Versteckte Anforderungen:
- Erwartetes Verhalten in Gegenwart anderer
- Lob (als Form der Verhaltenssteuerung)
- Körperliche Bedürfnisse und Gefühle
- Unvorhersehbare Ereignisse
- Emotionale Energie anderer Menschen
- Zeitdruck und Deadlines
- Implizite Erwartungen (soziale Normen)
- Sinnesreize oder Übergänge (z. B. Schulwechsel, Ende einer Aktivität)
Umgang mit PDA: Was wirklich hilft
Klassische Erziehungsmethoden wie Belohnungssysteme, Druck, Lob oder Strafen verschlimmern PDA meist. Sie verstärken das Gefühl der Bedrohung und führen zu Eskalationen oder innerem Rückzug. Denn: im Überlebensmodus kann man nicht klar denken, gute Entscheidungen treffen und lernen. Wir müssen den Betroffenen also erst aus dieser Situation raushole.
Was stattdessen hilft:
- Druck sofort reduzieren – Sicherheit und Selbstbestimmung wiederherstellen
- Akzeptanz statt Kontrolle – alles ist erlaubt, um das Nervensystem zu beruhigen
- Kreative Lösungen – flexible Strukturen, freie Lernumgebungen, Homeschooling oder Schulen mit freien Konzepten
- Ursache erkennen – nicht das Verhalten, sondern die Angstreaktion verstehen
Ein hilfreicher Ansatz ist die PANDA-Kommunikation, die auf Deeskalation und Selbstbestimmung basiert (siehe separaten Beitrag: PANDA Kinder).
Fazit: PDA verstehen heißt Autonomie respektieren
PDA ist keine „Verweigerung aus Trotz“, sondern eine neurobiologische Stressreaktion. Betroffene erleben Anforderungen als Bedrohung und brauchen Sicherheit, Verständnis und Autonomie.
Je besser wir PDA verstehen, desto eher können wir Wege finden, Druck zu reduzieren und echte Teilhabe zu ermöglichen – in Familie, Schule und Gesellschaft.
Weiterführende Ressourcen:
- PDA-Autismus-Verein Deutschland
- Buch: „Neustart PDA – Kinder mit hochsensiblen Nervensystemen verstehen und selbstbewusst begleiten“ von Rike Brand
Weiterführende Beiträge:
- PANDA Kinder & Nein-Hörner
- Spätdiagnostiziert
- Neurodiversität im Erwachsenenalter
- Das neurodiverse Schulkind
- Wie neurodivers bin ich?
- Neurodivers: Bin ich meinem Gehirn ausgeliefert?
- Neurodiversität am Arbeitsplatz
- Was ist Neurodiversität? Bin ich krank?
- Co-Regulation: große Gefühle bei kleinen Menschen
- Co-Regulation in der Partnerschaft
- Sucht bei neurodiversen Kindern
- Sucht bei neurodiversen Erwachsenen

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