Manchmal braucht es ein einziges Wort, ein Dokument oder ein Gespräch, um Jahrzehnte des Suchens zu beenden. Eine Diagnose ist nicht einfach nur ein medizinischer Stempel; sie ist oft das Licht, das in die staubigen Ecken unserer Biografie scheint und uns erlaubt, die Dinge endlich so zu sehen, wie sie wirklich sind.
Herzlichen Glückwunsch! Du bist ein „buntes Brain“ – und die Welt ist ein kreativerer, mitfühlenderer Ort mit Menschen wie dir!
Das Loch nach der AuDHS-Diagnose: Wer bin ich eigentlich?
Wenn die Diagnose – wie bei mir die Kombination aus Autismus und ADHS (AuDHS) – schwarz auf weiß vor einem liegt, folgt oft ein Moment des Erschreckens. Ich wusste kurzzeitig gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Mein „Masking“, also das lebenslange, unbewusste Anpassen an eine neurotypische Welt, war so perfektioniert, dass ich selbst gar nicht mehr merkte, wie sehr ich meine eigene Wahrnehmung erstickt habe. Ich funktionierte, aber ich spürte mich nicht mehr.
Nach der Diagnose fühlte es sich an, als hätte sich ein dicker Schleier über meinem Nervensystem gelüftet. Plötzlich war da diese unerbittliche Klarheit. Es war, als hätte jemand den Lautstärkeregler meiner Umgebung massiv nach oben gedreht. In der Kaukophonie der Reize konnte ich plötzlich ganz genau hören, welcher einzelne Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte.
Eingeschränkter – und doch mächtiger
Zugegeben, das war anfangs gar nicht angenehm. Es fühlte sich alles deutlich eingeschränkter und „autistischer“ an als vor der Diagnose. Dinge, die ich früher weggedrückt habe, ließen sich nicht mehr ignorieren. Aber genau darin liegt die neue Freiheit: Man kann nur Dinge gestalten, verändern und anpassen, die man selber verwörtern und fühlen kann. Die Diagnose gab mir die Macht über mein Leben zurück, weil ich endlich wusste, womit ich es zu tun hatte.
Du darfst deine Persönlichkeit, gegen die du vermutlich bisweilen angekämpft hast, annehmen und neu betrachten lernen.
Verborgene Zusammenhänge verstehen: Reize und Kompensation
Durch die neue Brille schälten sich belastende Momente plötzlich klar heraus. Ich verstand zum ersten Mal, warum bestimmte Geräusche wie Finger auf einer Tafel über meine Hirnhaut kratzen. Ich erkannte, warum ich mit 6 Jahren schon eine Essstörung entwickelt hatte: Sie war mein Versuch, Kontrolle und Sicherheit in einer Welt zu gewinnen, die sich ständig zu laut und unsicher anfühlte. Wenn wir verstehen, dass unser Verhalten oft eine Reaktion auf unsere neurodivergente Wahrnehmung ist, können wir anfangen, uns selbst mit echtem Respekt zu begegnen.
Praktische Schritte: Deine eigene „Gebrauchsanweisung“
Wie lernt man, in einer Welt zu leben, die nicht für bunte Gehirne gebaut wurde? Ich habe angefangen, für mich selbst eine Art Gebrauchsanweisung zu schreiben. Ich notiere Situationen, die bemerkenswert waren:
• Was hat gutgetan?
• Was war zu viel?
• Welche einzelnen Faktoren habe ich herauskristallisiert?
Im Stress verlieren wir oft unsere Erkenntnisse. Eine schriftliche Reflexion hilft, dieses Wissen tief abzuspeichern, damit wir beim nächsten Mal darauf zurückgreifen können.
Bedürfnisorientiert
„Mach dir die Welt, wie sie dir gefällt.“ Pippi Langstrumpf
Trau dich, deine Umwelt anzupassen. Es bricht niemandem ein Zacken aus der Krone, wenn du darum bittest, dass das Radio leiser gestellt wird, die Tür geschlossen bleibt oder du einen speziellen Sitzplatz in der Ecke bekommst. Dein Bedürfnis nach Schutz ist kein Hindernis – es ist die Voraussetzung dafür, dass du gesund bleiben kannst.
Einzigartig – Neurodiversität: Die Gabe des bunten Brains nutzen
Vergiss nie: Du bist nicht allein. Vernetze dich, tausch dich aus, verwörtere deine Wahrnehmung und erkenne die Gemeinsamkeiten.
It´s not you – it´s a thing!
Es bist nicht du der- oder diejenige, der/die falsch denkt oder fühlt. Es ist ein neurobiologisches System, dass du mit ganz vielen gemeinsam hast. Und es ist ein gesellschaftliches System und Konstrukte des Zusammenlebens, dass den Leidensdruck erzeugt.
Wir neurodivergenten Menschen sind oft leidenschaftlich, inspirierend und tiefgründig. Unter den richtigen Bedingungen können wir Großartiges leisten. Wir brauchen vielleicht andere Rhythmen und sind schneller erschöpft, aber wenn unser Interesse geweckt ist, leisten wir in Rekordzeit Erstaunliches.
Fang an, so zu leben, wie dein Körper und deine Seele es brauchen. Willkommen zu Hause, bei dir selbst.

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