Die „Allergie“ gegen Anforderungen
Was sind PANDA-Kinder und wie erlebt ein Kind mit PDA den Alltag?
PANDA-Kind und Nein-Horn hört sich unglaublich niedlich an. Dahinter steht aber das wohl herausforderndste und einschränkenste Verhalten für Erziehende mit einem neurodiversen Kind. Der Leidensdruck hier ist enorm und zwar für die ganze Familie.
Kinder mit PDA (Pathological Demand Avoidance, auf Deutsch: Pathologische Vermeidung von Anforderungen) sind oft hochsensibel und erleben alltägliche Anforderungen als überwältigend oder sogar bedrohlich.
PDA gilt sowohl nach DSM V (offizielles Klassifikationssystem für psychische Krankheiten) als auch dem ICD 11 (internationales Klassifikationssystem für Erkrankungen) als eigenständiger Subtyp des Autismus-Spektrums. Aber es scheinen auch Kinder aus dem Spektrum ADHS und Hochsensibilität dazu zugehören.
Es gibt noch keine einheitliche Forschung zu diesem Thema und PDA ist noch sehr unbekannt, auch in Fachkreisen.
Anzeichen von PDA
PANDA Kinder zeichnen sich vor allem durch ein extremes Vermeidungsverhalten gegenüber alltäglichen Erwartungen und Anforderungen aus. Anders als bei anderen autistischen Kindern stehen bei Kindern mit PDA nicht nur soziale oder kommunikative Schwierigkeiten im Vordergrund, sondern vor allem das intensive Bedürfnis, Kontrolle über die eigene Umgebung zu behalten. Schon scheinbar kleine Anforderungen – wie das Anziehen, Zähneputzen oder das Verlassen des Hauses – können bei Kindern mit PDA zu starken Ängsten und Widerstand führen.
Diese Kinder wirken oft kreativ, charmant und sehr einfallsreich darin, Anforderungen zu umgehen. Ihr Verhalten wird jedoch häufig missverstanden und als „oppositionell“ oder „trotzig“ fehlinterpretiert. Tatsächlich steckt hinter dem Verhalten meist ein tiefes Bedürfnis nach Sicherheit und Selbstbestimmung. Das Nervensystem von Kindern mit PDA ist besonders reaktiv, sodass sie schnell in einen Zustand der Überforderung oder Übererregung geraten. Für Eltern, Erzieher*innen und Lehrkräfte ist es daher essenziell, neue Wege der Kommunikation und Begleitung zu finden, um das Kind zu unterstützen und nicht zusätzlich zu stressen.
Kleine Checkliste für PDA
Wichtig: Nicht alle Punkte der Checkliste müssen zutreffen. Wie immer gilt: Es ist ein Spektrum mit verschiedener Ausprägung.
- Mein Kind vermeidet Anforderungen des Alltages.
- Mein Kind wehrt sich gegen Vorschläge und Anforderungen wehement (zB mit Fremd- und Autoaggression, zerstören von Dingen, weglaufen, schreien, weine…
- Mein Kind kann auch von kleinsten Anfrderungen aus der Bahn geworfen werden.
- Neues und Unerwartetes sind für mein Kind eine Herausforderung.
- Bei reiferen Kindern: Mein Kind nutzt soziale Techniken um Herausforderungen zu meiden (lügen, verhandeln, diskutieren, vermeiden).
- Mein Kind bestimmt gern über andere.
- Mein Kind hat gern die Kontrolle.
- Mein Kind hat ein sehr hohes Autonomiebedürfnis.
- Mein Kind ist schnell verunsichert und ängstlich, auch ohne erkennbaren Grund und bei Dingen, die es normalerweise kann.
- Wenn ich Ratschlägen folge und versuche „konsequent“ zu sein und Regeln durchzusetzen, bzw. das Verhalten auszusitzen, wird es schlimmer.
- Mein Kind kann nicht in die Schule oder den Kindergarten gehen (wird suspendiert wegen schlechten Verhalten/Verweigerung oder es hat extreme Schulangst).
- Mein Kind ist reizoffen, es nimmt viel wahr und ist manchmal überfordert davon.
- Mein Kind ist schnell abgelenkt und unaufmerksam, es hat Probleme den Fokus zu halten (vor allem, wenn es etwas tut, was ihm nicht leicht fällt).
Die PANDA Strategie – Ein innovativer Ansatz für Kinder mit PDA und starkem oppositionellen Verhalten
Die PANDA Strategie ist ein bewährtes Kommunikationsmodell, das speziell für Kinder mit PDA oder starkem oppositionellen Verhalten entwickelt wurde. Sie basiert auf indirekter Rede, gewaltfreier Kommunikation und gezielten Handlungsempfehlungen. Ziel ist es, auf die besonderen Bedürfnisse nach Schutz und Kontrolle einzugehen und das hochreaktive Nervensystem der Kinder zu entlasten. Die PANDA Strategie hilft, das emotionale Erregungsniveau niedrig zu halten und ermöglicht Kindern mit PDA, in ihrem eigenen Tempo Fortschritte zu machen.
Was bedeutet PANDA?
PANDA ist ein Akronym und steht für fünf zentrale Prinzipien:
P – Pick battles (Wähle deine Kämpfe)
Reduziere Regeln und Grenzen auf das absolut Notwendige. Statt ständiger Verbote und „Neins“ sollte eine positive „Ja-Umgebung“ geschaffen werden. Überlege: Ist diese Grenze wirklich wichtig? Kann ich die Situation anders lösen? Formuliere Alternativen, zum Beispiel: „Stattdessen könnten wir…“ anstelle von „Das darfst du nicht.“
A – Anxiety Management (Angstmanagement)
Erkenne, dass das Verhalten deines Kindes oft aus Angst entsteht. Beobachte aufmerksam, welche Auslöser (z.B. Reizüberflutung, Müdigkeit, Veränderungen) vermeidbar sind. Biete Schutz, Akzeptanz und Verständnis und beziehe dein Kind in Entscheidungen ein, um das Gefühl von Kontrolle zu stärken. Wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe ist der Schlüssel.
N – Negotiation and Collaboration (Verhandeln und Zusammenarbeiten)
Kinder mit PDA haben ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Beziehe dein Kind in Entscheidungen ein und biete Wahlmöglichkeiten an, ohne zu überfordern. Statt einer offenen Frage („Was willst du essen?“) gib eine Auswahl („Möchtest du Nudeln oder Fischstäbchen?“). Achte darauf, dass die Beteiligung nicht selbst zur Überforderung wird.
D – Disguise and manage demands (Anforderungen verschleiern und steuern)
Formuliere Anforderungen indirekt und mit Ich-Botschaften. Nutze gewaltfreie Kommunikation und deeskalierende Techniken. Statt „Räum bitte dein Zimmer auf“ sage lieber: „Wenn wir jetzt zusammen aufräumen, haben wir gleich Platz für ein schönes Spiel.“ Hebe immer die Vorteile hervor und vermeide Druck.
A – Adaption (Anpassung und Flexibilität)
Flexibilität ist bei Kindern mit PDA besonders wichtig. Starre Regeln, feste Therapiekonzepte oder gesellschaftliche Erwartungen helfen oft nicht weiter und können die Situation verschlimmern. Manchmal sind alternative Wege wie Homeschooling oder individuelle Assistenz notwendig. Eltern müssen häufig für die Rechte ihres Kindes kämpfen und auf eine fundierte Diagnostik bestehen. Unterstützung durch Jugendämter, Schulbegleiter oder Familienhilfe kann wertvoll sein – vorausgesetzt, es besteht Verständnis für die Besonderheiten von PDA.
Fazit: Ein pädagogisches Umdenken ist gefragt
Die PANDA Strategie bietet einen ganzheitlichen, einfühlsamen Ansatz für den Umgang mit Kindern mit PDA oder starkem oppositionellen Verhalten. Sie hilft, Konflikte zu entschärfen, Stress zu reduzieren und das Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen. Eltern und Fachkräfte sind eingeladen, neue Wege der Kommunikation zu gehen und das Kind in seinem Tempo zu begleiten. Eine neue, wertschätzende Kommunikation ist herausfordernd, aber sie lohnt sich – für das Kind und die ganze Familie.
Tipp: Eine neue Kommunikation kann herausfordernd sein, aber mit Geduld, Verständnis und der richtigen Strategie können Kinder mit PDA ihr volles Potenzial entfalte
Empfehlung:
Wenn Kinder „nicht hören“, gibt es noch mehr Möglichkeiten, die bei Neurodiversität zutreffen können. Schau rein bei den Themen:
🦻🏼Auditive Wahrnehmung – Wenn das Gehörte nicht verarbeitet werden kann
🦻🏼Destruktive Kommunikationsschleifen – Wenn wir in schlechten Sprachmustern feststecken

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