Kinder mit Neurodivergenz: Einfühlsamer Umgang und bewährte Techniken für mehr Selbstwert und weniger Stress
Kinder mit Neurodivergenz – also Kinder aus dem Spektrum von ADHS, Autismus, Dyskalkulie, Legasthenie und anderen neurologischen Besonderheiten – erleben im Alltag zahlreiche Rückschläge und Frustrationen. Sie kämpfen mit einer eingeschränkten Fähigkeit, Reize zu filtern und zu verarbeiten. Ihr Gehirn arbeitet manchmal schneller, manchmal langsamer als das ihrer neurotypischen Altersgenossen. Das Lernen fällt ihnen in bestimmten Bereichen wie Lesen, Schreiben oder Rechnen besonders schwer, und häufig kommen motorische Herausforderungen wie Feinmotorik- oder Koordinationsprobleme hinzu.
Diese Vielzahl an Hürden führt zu einem hohen Maß an Stress und Druck, was sich negativ auf die Frustrationstoleranz und den Selbstwert der Kinder auswirken kann. Um sich zu schützen, entwickeln viele Kinder mit Neurodivergenz Vermeidungsstrategien, die kurzfristig entlasten, langfristig aber oft ungünstig sind: Sie laufen weg, diskutieren, schieben Aufgaben vor sich her, vermeiden Tätigkeiten (z. B. durch ständige WC-Gänge oder Ablenkungen), lügen, handeln, oder reagieren mit Angst und Wut. Die Palette an Schutzmechanismen ist groß. Überlege: Welche Strategien nutzt dein Kind, um Überforderung zu entgehen und seinen Selbstwert zu schützen?
Was nicht hilft: Veraltete und kontraproduktive Strategien
Viele gut gemeinte, aber veraltete Methoden verschärfen die Situation für Kinder mit Neurodivergenz. Dazu gehören:
- Leugnen und Realität absprechen: Sätze wie „Das ist gar nicht so schwer!“ oder „Das geht doch ganz leicht!“ nehmen die Schwierigkeiten des Kindes nicht ernst.
- Druck aufbauen: Aussagen wie „Du wirst nie auf deine Wunschschule kommen, wenn du nicht besser wirst“ oder „Du willst doch nicht sitzen bleiben?“ erhöhen den Stress und die Angst.
- Bestrafen mit negativen Konsequenzen: „Wenn du jetzt weiter Quatsch machst, helfe ich dir nicht mehr!“ oder „Du darfst nicht spielen, wenn du die Hausaufgaben nicht machst.“
- Bestechung: „Wenn du jetzt gut mitmachst, dann darfst du danach…“
- Wenn-Dann-Strategien: Diese fördern keine intrinsische Motivation und setzen das Kind zusätzlich unter Druck.
Was wirklich hilft: Positive und wirksame Techniken im Umgang mit neurodivergenten Kindern
1. Gewaltfreie Kommunikation und wertschätzende Sprache
- Streiche Druck, negative Konsequenzen und Bewertungen: Verzichte auf Drohungen, Strafen und abwertende Kommentare. Kommuniziere stattdessen empathisch und auf Augenhöhe.
- Nutze Ich-Botschaften: Teile deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse mit, statt Vorwürfe zu machen („Ich merke, dass du gerade müde bist und verstehe, dass das jetzt schwer ist.“).
2. Ja-Umgebung schaffen und Grenzen sinnvoll setzen
- Weniger, aber klare Regeln: Überprüfe regelmäßig, welche Regeln wirklich notwendig sind. Reduziere Stressoren, indem du nur die wichtigsten Regeln konsequent durchsetzt.
- Pick your battles: Wähle bewusst aus, welche Konflikte es wert sind, ausgetragen zu werden. Nicht jede Regel muss immer gelten.
- Schule und Kita einbinden: Sprich mit Lehrkräften und Erzieher*innen über individuelle Bedürfnisse deines Kindes. Vermeide ungünstige Bonussysteme oder demotivierende Rückmeldungen (z. B. traurige Smileys, rote Stifte).
- Ermutigen mit dem Grün-Stift: Besonders für Lehrkräfte: Schreibe positive, wertschätzende Kommentare unter Aufgaben („Ich sehe, wie sehr du dich angestrengt hast. Mach weiter so!“).
3. Nein-Vermeidung und alternatives Handeln fördern
- Sag, was stattdessen getan werden soll: Anstatt „Leg das weg!“ lieber „Komm, wir räumen das zusammen weg und nehmen stattdessen das Poppet, wenn deine Finger beschäftigt sein wollen.“
- Impulse umleiten: Biete Alternativen an, wenn dein Kind impulsiv handelt. Zum Beispiel einen Fidget oder eine andere Beschäftigung.
- Augenkontakt und sanfte Initialberührung: Unterstütze dein Kind durch liebevollen Blickkontakt oder eine sanfte Berührung, um seine Aufmerksamkeit zu lenken.
- Vorbereitung auf schwierige Situationen: Erkenne typische Auslöser im Vorfeld und entwickle gemeinsam mit deinem Kind Strategien, um damit umzugehen (z. B. Rückzugsorte, Pausen, „Notfallplan“).
4. Selbstregulation und Emotionsmanagement stärken
- Gefühle benennen und anerkennen: Hilf deinem Kind, seine Gefühle zu erkennen und zu benennen. Sag zum Beispiel: „Du bist gerade wütend, weil das nicht geklappt hat. Das ist okay.“
- Atemübungen und Entspannungstechniken: Zeige deinem Kind einfache Atemübungen oder Entspannungstechniken, die es in Stresssituationen anwenden kann.
- Bewegungspausen: Plane regelmäßige Bewegungspausen ein, um überschüssige Energie abzubauen und das Nervensystem zu regulieren.
5. Motivation und Selbstwert gezielt fördern
- Wertschätzung und Lob: Sieh die Anstrengung, nicht nur das Ergebnis. Sage zum Beispiel: „Wow, du hast dich richtig konzentriert!“ oder „Ich sehe, wie schwer dir das fällt, und trotzdem versuchst du es.“
- Selbstbelohnung: Ermutige dein Kind, sich nach anstrengenden Aufgaben selbst zu belohnen („Was könntest du dir jetzt Gutes tun?“).
- Gemeinsames Feiern von Erfolgen: Auch kleine Fortschritte sind ein Grund zur Freude! Feiere diese gemeinsam und mache sie sichtbar.
6. Struktur, Visualisierung und Routinen
- Klare Tagesstruktur: Feste Abläufe geben Sicherheit. Nutze visuelle Stundenpläne, Piktogramme oder Checklisten.
- Vorbereitung auf Veränderungen: Bereite dein Kind frühzeitig auf Veränderungen vor und erkläre, was als Nächstes passiert.
- Visualisierung von Regeln und Abläufen: Hänge Regeln, Routinen oder Abläufe sichtbar auf, damit dein Kind sich orientieren kann.
7. Individuelle Lernstrategien und Hilfsmittel
- Hilfsmittel nutzen: Setze bei Bedarf Hilfsmittel ein, z. B. Leselineale, Lärmreduzierer, spezielle Stifte oder Sitzkissen.
- Lerninhalte anpassen: Passe Aufgaben an das individuelle Lerntempo und die Interessen deines Kindes an. Kleine Lerneinheiten und regelmäßige Pausen helfen, Überforderung zu vermeiden.
- Multisensorisches Lernen: Nutze verschiedene Sinne beim Lernen (z. B. Bewegung, Musik, Farben, Materialien).
8. Ressourcenorientierte Zusammenarbeit mit Fachpersonal
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Binde bei Bedarf Ergotherapeutinnen, Logopädinnen, Psychologinnen oder Lerntherapeutinnen ein.
- Elternnetzwerke und Selbsthilfegruppen: Vernetze dich mit anderen Eltern, um Erfahrungen auszutauschen und Unterstützung zu erhalten.
Selbstfürsorge für Eltern und Bezugspersonen
Vergiss nicht: Auch du brauchst Pausen, Verständnis und Mitgefühl für dich selbst. Kinder mit Neurodivergenz zu begleiten, kostet viel Kraft und Geduld. Erlaube dir, Fehler zu machen, und entschuldige dich, wenn du dich im Ton vergriffen hast („Es tut mir leid, dass ich das so gesagt habe. Ich bin müde und hätte das anders ausdrücken sollen.“). Sei gnädig mit dir selbst – du gibst dein Bestes!
Tipp: Wähle einen der genannten Ansätze aus und integriere ihn langsam in deinen Alltag. Wenn er sich bewährt hat, nimm den nächsten dazu. Schritt für Schritt entsteht so eine entspanntere und stärkende Atmosphäre für dein Kind und dich.
Fazit:
Kinder mit Neurodivergenz brauchen Verständnis, Geduld und individuelle Unterstützung. Mit den richtigen Techniken und einer wertschätzenden Haltung kannst du dein Kind stärken, seinen Selbstwert fördern und gemeinsam neue Wege im Alltag finden. Jeder kleine Schritt zählt – für mehr Leichtigkeit, Freude und Entwicklung!
Aber es gibt noch mehr Gründe, warum DEIN Kind nicht hört. Warum Geräusche manchmal nicht die richtigen Orte im Gehir erreichen un das du dagegen tun kannst, liest du: HIER

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