ADHS/ASS/HI/HS uvm.

Die Menschen, die ich als Ergotherapeutin begleite, wissen oft kaum etwas über ihr Gehirn. Sie haben damit meist nur schlechte Erfahrungen gemacht: Ausgrenzung, Abwertung und Versagen.

Wenn Kinder kommen, besteht oft die Erwartung, dass sie möglichst schnell „fit gemacht“ werden, bessere Noten bekommen und sich angepasster in ihrer Umwelt verhalten.

Der Leidensdruck ist häufig enorm.

Das Gehirn ist wie ein Teller bunter Knete. Wir werden mit einer bestimmten Zusammensetzung des Hirngewebes geboren, und diese kann sich unterscheiden. Das ist Neurodiversität – eine andere Zusammensetzung der „Knetmasse“. Aber: Unser Gehirn ist ein Leben lang veränderbar. Das ist „Neuroplastizität“. Mit dem richtigen Training und guten Reizen können wir unser Gehirn ein Leben lang umformen und mitgestalten.


Typische Diagnosen bei Neurodivergenz

Ein Mensch aus dem Spektrum der Neurodiversität kommt manchmal aus einem ganz anderen Grund zur Therapie. Oft wurde noch gar nicht in Erwägung gezogen, dass die Person eine spezifische Diagnostik und Behandlung im Bereich Neurodivergenz benötigt – die ohnehin schwer zu bekommen ist.

Bei Kindern:

👆 „Störungen der Feinmotorik oder Grafomotorik“ – also Kinder, die im Kindergarten oder in der Schule auffallen, weil sie nicht gern basteln oder nicht „schön genug“ schreiben.

👆 „Entwicklungsstörungen“ und „Verhaltensstörungen“ – Kinder, die durch ihr Verhalten auffallen, weil sie zum Beispiel alles verweigern, aggressiv sind, sich sozial nicht integrieren können oder sehr ängstlich sind.

👆 Lernstörungen (im Bereich Lesen, Schreiben, Rechnen).

Bei Kindern zeigt sich, wie vielfältig die Symptome eines neurodivergenten Gehirns sein können. Je nach Ärztin oder Arzt und deren Erfahrung (oder dem Mangel daran in diesem Bereich) wird zum Beispiel nur die „Unfähigkeit, schön zu schreiben“ festgestellt – und dann auch nur das „therapiert“.


Bei Erwachsenen* (oft in Kombination):

👆 Depression

👆 Sucht (oft ein misslungener Selbsthilfeversuch, damit das Gehirn endlich mal ruhig ist)

👆 Angststörung

👆 Burn-out

Bei Erwachsenen wird deutlich, welchen Weg es nehmen kann, wenn Neurodiversität unerkannt bleibt. Trotz aller Bemühungen, sich anzupassen, sammeln diese Menschen viele Erfahrungen, die ihren Selbstwert zerstören. Sie können keine stabilen Bindungen eingehen und gehen schlecht mit sich selbst um, weil sie „dazugehören“ und „funktionieren“ wollen, ohne erkannt zu haben, was sie wirklich brauchen.

Was sollte Ergotherapie leisten?

Sie sollte flexibel, persönlich und alltagsbezogen sein. Das bedeutet: Mein großer Koffer an verschiedenen Methoden wird individuell auf die Person oder Familie zugeschnitten, um die es geht.

Der „ganze“ Mensch zählt. Es ist mir wirklich egal, ob ein Kind hübsch schreibt, wenn es kaum in der Lage ist, durch einen Raum zu laufen, ohne sich zu stoßen oder umzufallen – oder wenn es kaum noch Freude an der Schule hat, weil es sich so viel Mühe gibt und trotzdem nur gerade so durchkommt.

Wie mache ich das? Mit einer gründlichen Anamnese, dem Einbezug des Umfelds, Umfeldberatung und genauer Beobachtung. Für die Therapeut:innen unter euch: Dazu später mehr.

1. Alltagsbezogen:

Es ist auf gesundem Wege nicht möglich, „nur“ die schulische oder berufliche Situation zu verbessern. Klar, wenn im privaten Bereich alles „takko“ ist, kann es direkt losgehen mit Effizienz und Konzentration in Schule und Job.

Meist besteht aber so viel Reibung, Streit, Frust, Strukturlosigkeit oder Reizüberflutung im privaten Umfeld, dass dort angesetzt werden muss.

Ich baue doch kein Haus ohne Fundament – und schon gar nicht auf Sand. Das kleinste Unwetter macht alles wieder kaputt.

Es geht also los im Alltag. Das ist nicht so fancy und macht nicht immer Spaß, es ist unbequem und erfordert Mitarbeit und Selbstkompetenz – sowohl von den Klient:innen als auch von uns Therapeut:innen. Außerdem wird man ständig „beobachtet“ und muss gut erklären und moderieren, denn:

Die Erziehungsberechtigten gehören in die Behandlung eines Kindes mit hinein. Zehn Minuten „Übergabegespräch“ reichen nicht aus. Schließlich machen am Ende die Familien die ganze Arbeit.

Wie man das macht? Sorry, nicht alles auf einmal.

2. Sinnvoller Einsatz von Methoden: Spielen in der Ergotherapie

In der Ergotherapie wird nach wie vor viel gespielt und gebastelt. Das macht Spaß – sowohl den Kindern als auch den Erwachsenen. Wenn es nur um kleine Performancedefizite geht (also um mehr Übung und Training in der Ausführung), ist das auch völlig in Ordnung.

Aber Neurodiversität ist komplex. Die Menschen kommen mit Problemen in der Grob- und Feinmotorik, der Handlungsplanung, der Selbstwahrnehmung, mit Reizfilterschwächen und daraus resultierenden Konzentrationsproblemen sowie emotionalen Regulationsstörungen. Ein Bild zu malen und die Stiftmotorik zu verbessern, ist dann nur ein Tropfen auf den heißen Stein – auch wenn das der ärztliche Auftrag ist. Sollte das wirklich an erster Stelle stehen?

3. Zuerst kommt: Das Ziel, bei dem der höchste Leidensdruck besteht.

Therapie sollte Spaß machen und das ganze kreative, spielerische Potenzial des Berufs ausschöpfen. Aber wenn wir das „Spiel“ oder die „Übung“ nicht in den Alltag integrieren können und die Basisarbeit fehlt, ist es nicht sinnvoll. Dann ist es auch egal, wenn das Lehrpersonal sich wünscht, dass ein Kind etwas sorgfältiger schreibt.


Wie finde ich dieses Ziel heraus?
Ob Therapeut:in oder Betroffene:r, diese Fragen bringen dich auf die Spur:

– ❤ Wo entsteht zu Hause der meiste Streit oder Frust?

– ❤ Woran erkenne ich, dass ich oder mein Kind Hilfe brauchen?

– ❤ Gehe ich gern zur Arbeit? Oder fühle ich mich ausgebrannt, inkompetent und überfordert?

– ❤ Geht mein Kind gern zur KiTa oder Schule?

– ❤ Hat mein Kind Freunde?

– ❤ Bin ich oder mein Kind mit meinen Gefühlen überfordert oder ihnen ausgeliefert?

– ❤ Bin ich oder mein Kind reizoffen? Und sind deswegen unruhige, volle, laute Orte (wie Arbeitsplatz, KiTa, Schule oder öffentliche Orte) überfordernd?

– ❤ Reagiere ich oder mein Kind oft mit Angst, Wut oder Frust auf Anforderungen?

– ❤ Kann ich oder mein Kind mich/sich nicht gut spüren („hochempfindlich“ oder „stumpf“)?

– ❤ Habe ich oder mein Kind das Gefühl, „falsch“ oder ein „Alien“ zu sein?

– ❤ Brauche ich oder mein Kind ganz feste, teilweise starre Rituale und Abläufe?

– ❤ Kann ich oder mein Kind mit Veränderungen nicht gut umgehen?

4. Allgemeine Ziele und Behandlungsinhalte:

– Wahrnehmung und Sinnesintegration

– Strukturmaßnahmen, klare Abläufe und gute Reizadaption (Anpassung der Umweltreize)

– Gute Regeln (nachvollziehbar, visualisiert), manchmal in Kombination mit sinnvollen Bonussystemen, um den Kreislauf aus Frust zu durchbrechen

– Bessere Kommunikation (gewaltfrei, wertschätzend)

– Psychoedukation (Wissen über sich selbst)

– Strategien und Kompetenztraining für eine bessere Steuerung des Fokus und eine längere Aufmerksamkeitsspanne

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Eine Antwort zu „Neurodiversität in der Ergotherapie”.