Dieser Beitrag erklärt, warum Methylphenidat Dopamin nicht „pusht“, sondern reguliert und wieso dieser Unterschied wichtig ist. Wie sich das dopaminerge System entwickeln kann und weshalb der Kontext entscheidender ist als das Medikament allein.
Amphetamin,Benezedrin, Ritalin – Was ist was?
Ritalin ist der bekannteste Markenname eines Medikamentes für die pharmakologische ADHS Behandlung, welches als Wirkstoff Methylphenidat enthält. Diesen Wirkstoff nutzen auch andere Hersteller.
Amphetamin ist eine chemische Wirkstoffklasse und Benezedrin ist der Handelsname eines Amphetamins. Es gibt unterschiedliche Amphetamine (Chrystel Meth und Ectesy zum Beispiel). Benezedrin wurde zum Beispiel als pharmakologisch als Asthmatikum genutzt.
Amphetamine beeinflussen die Hirnchemie und führen zur starken Dopaminausschüttung. Sie sind aufputschend und Leistungssteigernd (ähnlich wie Kokain).
Wirkung Amphetamine
- erhöhen die Wachheit und Aufmerksamkeit
- gesteigern die Konzentrationsfähigkeit
- Verbessern die Ausdauer (körperlich und psychisch)
- Heben stark das Selbstbewusstsein
- Wirken euphorisierend
Benezedrin ist nicht Methylphenidat. Aber die Forschug bei ADHS startete mit diesem Amphetamin.
Der entscheidende Unterschied zwischen der Wirkung als Droge und Medikament liegt in der:
- Dosierung
- Einnahmeform
- Geschwindigkeit, mit der der Wirkstoff im Gehirn ankommt
Amphetamine, die hoch dosiert oder schnell anfluten, verursachen eine massive Dopaminausschüttung. Um das zu erreichen muss man sie direkt in die Blutbahn spritzen oder durch die Schleimhäute (Nase, Rektum) einnehmen. Würden wir das mit einem ADHS Medikament tun, würde es ähnlich wirken.
Oral und niedrig dosiert eingenommenes Methylphenidat wirkt hingegen ganz anders.
Wie Methylphenidat im Gehirn wirkt
Kurz gesagt: ganz anderes als gedacht.
Statt das Hirn mit Dopamin zu fluten, reduziert es die dopaminerge Erregbarkeit des Gehirns. HÄ?! Weniger Dopamin statt mehr? Ja, genau.
Das Geheimnis ist die Anflutung im Gehirn. Also in welcher Konzentration der Wirkstoff auf das Gehirn trifft. Schnupfen wir zermahlenes Ritalin oder Spirtzen es wie Heroin direkt in die Vene passiert ein großes Halleluja. Dopamin wird massiv freigesetzt, alle Signalfeuer leuchten auf.
Aber Ritalin ist ein Medikamet. Es wird in einer geringeren Dosierung -also Wirkstoffkonzentration- und oral eingenommen. So kommt es deutlich verzögert an. Dazu sind viele ADHS Präperate noch retardiert, haben also eine verzögerte Wirkstoffreigabe, die es ermöglicht, den Pegel sanft zu halten.
Wird Methylphenidat so eingenommen, dann passiert das Gegenteil der früheren Annahme: Dopamin wird quasi reduziert.
Es kommt primär zu einer Hemmung der Dopamin‑Wiederaufnahme und damit nur zu einer moderaten Erhöhung des extrazellulären Dopamins (2–10‑fach).
Diese moderate Erhöhung aktiviert Autorezeptoren an dopaminergen Nervenzellen, die dann weitere impulsgetriggerte Dopaminfreisetzung bremsen oder unterbinden.
Sogenannte Autorezeptoren sind Rückkopplungsschalter im Nervensystem. Sie registrieren einen ausreichenden Dopaminspiegel und sorgen dafür, dass bei neuen Reizen weniger zusätzliches Dopamin ausgeschüttet wird.
Das Ergebnis ist kein „Push“, sondern eine funktionelle Beruhigung des Systems.
Neue Reize erreichen das Gehirn weiterhin, lösen aber keine überschießende Reaktion mehr aus. Fokus, Handlungsplanung und Impulskontrolle verbessern sich dadurch deutlich.
Das Lernen durch Lichtmuster–
Stell dir Dopamin als Leuchtfeuer vor, das immer dann leuchtet, je toller, lohnender, neuer und interessanter etwas ist. Wo es am meisten feuert, entscheidet die Stadtverwaltung (Gehirn) den Ausbau (von Fähigkeiten).
Wenn du ein Ziel erreichst, leuchten die Lichter besonders hell – das Gehirn merkt sich den Weg dorthin.
Wenn du aber etwas erwartest (zB Lob, etwas leckeres zu Essen, Spaß an etwas) und es tritt nicht ein, bleibt das Licht aus.
Diese „Fehler in der Vorhersage“ helfen dem Gehirn, besser zu lernen, was sich lohnt und was nicht. Du lernst zum Beispiel das 1×1 und hast noch keine Ahnung, was das ist und wozu das gut sein soll. Weil es neu ist, springt dein Gehirn erstmal drauf an. Aber dann triffst du auf die erste Hürde, es klaptt nicht gleich, es kommt kein Lob und nichts lohnendwertes passiert. Vielleicht sogar ein tadel, weil du dir angeblich nicht genug Mühe gegeben hast, oder ein genervter Seufzer eines erschöpften Lehrenden. Schwupp di wupp bleibt die Ampel auf rot, das Licht leuchtet nicht und der Vogel oder die popelnde Greta neben dir ist interessanter.
Methylphenidat bei ADHS: regulieren statt drosseln
Die Forschung zeigt, dass sich synaptische Verschaltungsmuster im sich entwickelnden Gehirn schrittweise an komplexer werdende Anforderungen anpassen.
Klar ausgedrückt: Dein Gehirn ist am Anfang wie ein Teller bunte Knete und du kannst eine Menge daraus bauen. Je nach dem wie du es nutzt. Dopamin spielt dabei eine Rolle, es sagt dir, welche Nutzung am meisten Spaß macht, interessant oder neu ist.
Die ADHS‑Forschung hat gezeigt, dass Psychostimulanzien bei niedriger, oraler Dosis das Dopaminsystem nicht „aufdrehen“, sondern regulieren und überschießende Dopaminantworten bremsen – was Konzentration und Steuerbarkeit erhöht, während hohe, schnelle Dosen ein starkes Sucht‑ und Rauschwirkungspotenzial haben.
Schadet Methylphenidat dem Gehirn?
Wenn ein Wirkstoff so massiv in das Gehirn eingreift, gibt es dann nicht auch Gefahren, wenn das Gehirn noch in der Entwicklung ist?
Eingriff in die Hirnentwicklung?
Das dopaminerge System eines Menschen ist bei der Geburt unfertig und entwickelt sich bis tief in die Pubertät. Methylphenidat verändert die Reaktion des dopaminergen Systems. Und da dieses die Hirnentwicklung aktiv mitgestaltet, könnte dies doch auch unangenehme Langzeitfolgen haben, oder?
Für eine direkte neurotoxische Wirkung von Methylphenidat gibt es derzeit keine belastbaren wissenschaftlichen Hinweise.
Die entscheidendere Frage lautet nicht, ob Methylphenidat „schädlich“ ist, sondern was der ADHS‑Symptomatik zugrunde liegt.
In einigen Studien wurden Hinweise auf eine Veränderung in der Hirnsubstanz unter der Einnahme von Methylphenidat gefunden. Aber noch lassen die Untersuchungen keine klaren Rückschlüsse zu. Dennoch warnen viele Forschende vor einer allzu bedenkenlosen Langzeitmedikation und appelieren darauf, Methylphenidat nur Symptomen als Unterstützung zu Implementierung von guten therapeutischen Maßnahmen und Umweltanpassungen zu nehmen.
Zwei unterschiedliche Ausgangslagen
- Liegt der ADHS Symptomatik tatsächlich ein überreaktives dopaminerges System vor, kann Methylphenidat dazu beitragen, dass das Gehirn lernt, Reize differenzierter zu verarbeiten. In diesem Fall kann es eine regulative Entwicklung unterstützen.
- Liegen die Ursachen jedoch primär in ungünstigen Umweltbedingungen, chronischem Stress, fehlender Bindungssicherheit oder mangelnden Lerngelegenheiten zur Selbstregulation, kann eine medikamentöse Dämpfung diese Lernprozesse überdecken, statt sie zu fördern.
Hierzu fehlen bislang eindeutige, langfristige Vergleichsstudien.
Was Medikament (nicht) können
Medikamente können:
- Symptome regulieren
- kurzfristig Entlastung schaffen
- Fokus und Steuerbarkeit verbessern
Medikamente können jedoch nicht:
- Beziehungserfahrungen ersetzen
- emotionale Regulation lehren
- Reizverarbeitung nachhaltig umlernen lassen
- Bindung, Sicherheit oder Struktur erzeugen
Das Gehirn lernt immer im Kontext. Medikamente verändern diesen Kontext – sie sind aber nicht der Kontext selbst.
Verantwortung in der ADHS‑Behandlung
Eine verantwortungsvolle Begleitung von Kindern mit ADHS‑Symptomen berücksichtigt daher immer:
- die individuelle Neurobiologie
- die familiäre Situation
- das soziale und schulische Umfeld
- emotionale Sicherheit und Beziehung
- Möglichkeiten zur Selbstwirksamkeit
Medikamente können ein Baustein sein. Sie sind jedoch nie die alleinige Lösung.
Appell an die Elternarbeit
Aus den vorangegangenen, beschriebenen Wirkprinzipien des dopaminergen Systems und der Bedeutung der Umwelt bei der Entwicklung von ADHS Symptomen leiten sich folgende Prinzipien für eine gute ADHS-Behandlung ab:
- Elternarbeit und Umfeldberatung als zentraler Inhalt der Behandlung
- Erziehende sollten in der Behandlung am Kind dabei sein um: Co-Regulation zu lernen, für die Psychoedukation, um Bindung zu stärken, Erziehungsstile anzupassen, im Modell durch Beobachtung und Austausch mit der Fachkraft zu lernen, Konzepte und Methoden regelmäßig unter kompetenter Anleitung bis zur Sicherheit zu üben
- Hilfmittel gemeinsam für die individuelle Familiensituation zu entwickeln (Handlungsschrittkarten, Bonussysteme, Achtsamkeitsübungen, Regelplakate, Hausaufgabenverträge, Motivationsmöglichkeiten, Pausenregeln…)
- Austausch & Mitgestaltung in den Lebensräumen des Kindes (KiTa, Schule)
Fazit
ADHS ist kein simples Dopaminmangelsyndrom. Es handelt sich um eine komplexe, entwicklungsabhängige Regulationsvariante des Gehirns, die stark von Reizangebot, Beziehungserfahrungen und Lernkontexten geprägt wird.
Methylphenidat kann regulierend wirken, wenn es gezielt, reflektiert und eingebettet eingesetzt wird. Entscheidend bleibt jedoch immer, welche Erfahrungen ein Kind mit seinem Gehirn machen darf.
Weiterlesen:
Was ist ADHS?:
💡Was ist ADHS – wirklich ein Dopaminmangelsyndrom?
Der Übeltäter Dopamin?!
💡Der Übeltäter Dopamin: Die „fantastische“ Wirkung von Amphetaminen?!
Quellen:
„Neues vom Zappelphilipp“ von Dr. G. Hüther, Beltz Verlag 2016
„ADHS: Verändert Methylphenidat die Hirnentwicklung von Kindern?“, DeutschesÄrzteblatt, 2019
„ADHS – Abschied vom alten neurobiologischen Modell“ Gerald Hüther, Rosenfluh.ch
„Dopamine, Prediction Error and Beyond“ 2020, Kelly Diedren, Paul Fletcher
www.drugcom.de – Das Drogenlexicon

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