Was ist ADHS wirklich?Dieser Beitrag ordnet den aktuellen wissenschaftlichen Stand zu ADHS ein und hinterfragt kritisch die weit verbreitete Annahme eines reinen Dopaminmangelsyndroms.

ADHS hatte schon viele Namen. Einige dieser Namen gehören nun zu eigenen Diagnosegruppen und sind losgelöst von ADHS.

Zum Beispiel:

👉🏼Hyperkinetisches Syndrom

👉🏼Oppositionelle Verhaltensstörung

👉🏼Minimale celebrale Dysfunktion

👉🏼Psychoorganisches Syndrom

👉🏼Zappelphilipp Syndrom

Schon Hippokrates hat sich mit den unruhigen, konzentrationsschwachen Kindern beschäftigt. Seit der Einführung der offiziellen Diagnose im Jahr 1978 (ICD‑9), ist die Medizin und Forschung entschieden weitergekommen, was Ursache und Symptomatik betrifft. Dabei haben sich einige der damaligen Thesen beinahe ins Gegenteil gedreht.

Eine der zentralen Annahmen war lange Zeit, ADHS werde durch eine angeborene biochemische Störung des Gehirns verursacht – konkret durch ein Dopamin‑Mangelsyndrom.

Eine zweite These, die sich ebenfalls als unhaltbar herausgestellt hat, lautet, dass Methylphenidat, der Wirkstoff aus Ritalin, Elvanse, Medikinet und ähnlichen Präparaten, die beste Option für Kinder mit ADHS‑Symptomatik sei. (Infos zur Wirkweise von Methylphenidat findet ihr hier.)

Das DocCheck Flexikon, eine Plattform von Mediziner:innen, weist darauf hin, dass ADHS auch heute noch kontrovers diskutiert wird. Auch der Hirnforscher Dr. Gerald Hüther fasst in seinem Buch „Neues vom Zappelphilipp“ zahlreiche Studien zusammen, die im Kern Folgendes zeigen:

Was wissen wir heute über ADHS? – Stand der Wissenschaft

Was wir wirklich über ADHS ist:

1. ADHS ist beschreibt eine Ansammlung verschiedener „Verhaltens- & Konzentrationsstörungen“ z.B.

  • Probleme bei der emotionalen Regulation: Gefühle schwanken stark und werden sehr intensiv wahrgenommen.
  • Auffälligkeiten in der sensorischen Verarbeitung: Es kann zu unterschiedlichsten Über‑ und Unterempfindlichkeiten kommen, auf allen sensorischen Kanälen (Sehen, Schmecken, Riechen, Hören, Fühlen – sowohl über die Haut als auch über innere Körpersignale wie Hunger, Kontinenz oder Temperaturwahrnehmung).
  • Denkstörungen wie Zwangsgedanken oder Gedankenabrisse.
  • Lernstörungen (Lesen, Schreiben, Rechnen, abstraktes Denken).
  • Bewegungs‑ und Koordinationsstörungen: Ein schlechtes „inneres Bild“ vom eigenen Körper (Wo bin ich im Raum?) sowie Probleme in Koordination und Tonusregulation zeigen sich unter anderem in auffälliger Feinmotorik und Schwierigkeiten beim Erlernen koordinativ anspruchsvoller Tätigkeiten wie Schwimmen, Fahrradfahren, Ballspielen oder Schreiben.
  • Motivationsschwierigkeiten: Vermeidungsverhalten bei Aufgaben, die nicht sofort gelingen, kombiniert mit geringer Frustrationstoleranz.
  • Unruhe (innerlich und äußerlich), die sich extrovertiert in vermehrter Bewegung (Zappeln, Fummeln, Springen, Rennen, schnelles Reden) oder introvertiert durch inneres Abschweifen, Grübeln, Anspannung und langsames, nach Worten suchendes Sprechen zeigt.
  • Impulsivität: Betroffene können spontane Impulse schlecht steuern und reagieren häufig situationsunangemessen (Dazwischenreden, Herausplatzen mit Antworten, Handlungen nicht unterbrechen können, zwischen Aufgaben springen, Probleme beim Prioritätensetzen, schnelle Ablenkbarkeit, Schwierigkeiten beim Beenden von Tätigkeiten).
  • Aufmerksamkeitsdefizit: Treffender wäre die Bezeichnung Aufmerksamkeits‑Lenkungs‑Defizit, also Probleme beim Lenken und Halten des Fokus auf eine geforderte Aufgabe.
  • Merkfähigkeit: Betroffene sind vergesslich, Routinen aufzubauen fällt schwer, wichtige Dinge werden häufig gesucht oder Arbeitsaufträge vergessen. Hinzu kommt das „Aus‑den‑Augen‑aus‑dem‑Sinn“-Phänomen (mangelnde Objektpermanenz), wodurch Namen‑ und Gesichtermerken erschwert wird.

2. Genetischer Faktor wird angenommen: ADHS scheint genetisch beeinflusst zu sein, da es familiär gehäuft auftritt. Bis heute wurde jedoch kein einzelnes Gen identifiziert, das ADHS eindeutig erklärt.

3. ADHS als Anpassungsreaktion auf Umweltfaktoren: Das dopaminerge System modliert das Gehirn und lernt auf Grund von Erfahrungen und Angeboten, die wir dem Gehirn in Form von Reizen darbieten. Eine familiäre Häufung lässt sich auch durch Sozialisations‑, Lern‑ und Reizbedingungen erklären: Wenn ein erwachsenes Elternteil selbst Fokusprobleme hat, impulsiv oder sprunghaft ist oder emotional bzw. zeitlich wenig verfügbar, kann es dem Kind unter Umständen nicht jene Angebote machen, die ein sich entwickelndes Gehirn benötigt, um Impulse, Emotionen und Aufmerksamkeit zu regulieren sowie eine stabile Hirn‑Körper‑Synchronisation (Körperschema, Koordination, Kraftdosierung) auszubilden.

4. Es gibt mehrere Faktoren, die ADHS Symptomatiken verursachen können, deswegen ist unklar, ob es DAS ADHS überhaupt gibt:

  • Gene
  • Substanzmittelmissbrauch während der Schwangerschaft
  • Vernachlässigung
  • permanent ungünstige Reizsituation in der Entwicklung
  • ungünstige Erziehungsstile die ein Verhalten begünstigen, bei dem das Kind nicht gut Emotionen, Impulse und Aufmerksamkeit regulieren lernt
  • Missbrauch/Trauma
  • Geburtskomplikationen

Gibt es „das“ ADHS überhaupt?

Es gibt zahlreiche Faktoren, die ADHS‑Symptomatiken verursachen oder begünstigen können. Deshalb ist unklar, ob es DAS ADHS überhaupt gibt. Der genetische Faktor ist sehr wahrscheinlich. Es ist jedoch nicht einfach, ein Gen „zu finden“ und es wird noch viel Zeit benötigen, das menschliche Genom ausreichend zu entschlüsseln.

Das bedeutet: Wir wissen insgesamt noch erstaunlich wenig und können oft nicht sicher differenzieren, ob ADHS von Geburt an besteht oder durch andere Faktoren erworben wurde.

Denn das S in ADHS steht für Syndrom. Ein Syndrom ist immer eine unspezifische Ansammlung verschiedener Symptome, bei der eine klar erkennbare Ursache fehlt. Syndrome zeichnen sich durch ein typisches Symptom‑Cluster aus.

Bei ADHS wurde ein solches Cluster gefunden aus:

  • Aufmerksamkeitsstörungen
  • Hyperaktivität
  • Impulskontrollproblemen
  • Konzentrationsstörungen
  • Wahrnehmungsdefiziten

Für diese gigantische Palette an Symptomen wurde bisher eine klare Ursache benannt: Dopamin, bzw. der Mangel daran. Wie es dazu kam und warum das inzwischen unhaltbar ist, lies im folgenden Artikel.

Die Bindungs- und Traumaforschung weist jedoch darauf hin, dass Umweltfaktoren einen ganz großen Einfluss auf die Entwicklung von ADHS Symptomen haben. Dazu gehören:

💡Bindungen: unsichere Bindungen können zB entstehen, wenn die Hauptbezugspersonen nicht emotional, oder zeitlich verfügbar sind, unter psychischen Erkrankungen (Sucht, Depression, Persönlichkeitsstörungen…) leiden, disharmonisch sind oder ungünstige Erziehungsstile nutzen (körperliche Gewalt, Strafen, Defizit orientierte Kommunikation, wenig Aufmerksamkeit oder zu wenig Rahmen, Struktur, Verlässlichkeit und Regeln).

💡Trauma & Stress: Trauma und Stress wirken sich massiv auf die Entwicklung unseres Nervensystems aus und auch auf das dopaminerge System. Stress kann schon früh durch die Schwangerschaft in Form von Hormonausschüttungen der Frau auf den Embryo einwirken. Sorgen, Nöte, gesellschaftlicher Druck, Krankheit kann eine werdende Mutter sehr belasten. Dabei geht es nicht um kurzfristige Episoden von Stresserleben, sondern massive Phasen anhaltender Belastung.

💡Umweltreize: Unsere schnellebige,, moderne Gesellschaft ist voller Reize. Werbung & Social Media „trainieren“ unser Gehirn unbewusst auf das „Sensation Seeking“. Das triggert unser dopaminerges System, was sich an dieses aktivierende Angebot anpasst und irgendwann vor allem bei solch kurzen, ständig wechselnden Inhalten anspringt. Wir können Aufmerksamkeit also verlernen.

Fazit

ADHS scheint neben genetischen Faktoren auch stark von Umweltbedingungen abhängig zu sein. Die chinesische Zwillingsstudie „Genetic and environmental influences on attention-deficit/hyperactivity disorder symptoms in Chinese adolescents: a longitudinal twin study“, Zao Zheng 1, Jean-Baptiste Pingault, aus 2019 untersuchte über lange Zeit den Kontext von genetischen und Umweltfaktoren auf die Entwicklung der ADHS Symptomatik bis ins Erwachsenenalter.

Sie legt nahe, dass die Symptome von Unaufmerksamkeit vom genetischen Faktor abhängig sind und Impulsivität und Hyperaktivität von den Umweltfaktoren.

Das bedeutet: Wir können ein Leben lang auf die ADHS Symptomatik Einfluss nehmen und das dopaminerge System gestalten.

👉 Weiterlesen im nächsten Artikel:
Der Übeltäter Dopamin: Wie das dopaminerge System wirklich tickt

👉 Und:

Methylphenidat und was es wirklich tut: ADHS Medikamente verstehen

Quellen: 

www.dassuchtportal.de

www.drugcom.de – Das Drogenlexicon

Dopamine, Prediction Error and Beyond“ 2020, Kelly Dierdren, Paul Fletcher

ADHS – Abschied vom alten neurobiologischen Modell“ Gerald Hüther, Rosenfluh.ch

ADHS: Verändert Methylphenidat die Hirnentwicklung von Kindern?“, DeutschesÄrzteblatt, 2019 „Neues vom Zappelphilipp“ von Dr. G. Hüther, Beltz Verlag 2016

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